Der 18. Januar – Ein besonderer Tag in der preußisch-deutschen Geschichte



Die Gegenwart tut sich gelegentlich schwer mit diesem, zweifelsohne wichtigem Datum. Denn die Gründung des Deutschen Kaiserreiches und damit des deutschen Nationalstaates 1871 fällt nicht von ungefähr auf diesen geschichtsträchtigen Tag. Denn genau 170 Jahre zuvor hatte sich der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. aus „Eigener Kraft“ und der erkauften Gnade des römisch-deutschen Kaisers in Wien, zum König in Preußen selbst gekrönt. Friedrich legte damit die politische Grundlage zum beispiellosen Aufstieg des unbedeutenden deutschen Flächenstaates.

Die Ausrufung seines Ururenkels König Wilhelms I. von Preußen zum Deutschen Kaiser 1871, zum Primus inter Pares, wurden von vielen Zeitgenossen als Vollendung des 1701 in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, begonnenen Aufstiegs wahrgenommen. War dieser Akt als politische Kampfansage der von den europäischen Potentaten belächelten „Streusandbüchse“ des Reichs zu verstehen, so zehrte die sündhaft teure Krönungszeremonie und aufwendige Hofhaltung des ersten Preußenkönigs das Land zunächst einmal wirtschaftlich aus, der Ausbruch der Pest 1709 bis 1711 führte es an den Rand des Abgrunds. Das noch zu Lebzeiten Friedrichs I. begonnene und von seinem Sohn und Thronfolger verantwortete Rétablissement des Landes, muss als erste Bewährungsprobe eines straff organisierten und effektiv handelnden Staatswesens begriffen, dass seine Angst wieder in der politischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden „Preußen ruiniert mich total, das frißt mir auf“ (König Friedrich Wilhelm I.), erfolgreich überwinden konnte.

Der Weg bis zur nächsten Standeserhebung des Hauses Hohenzollern war weit und steinig. Es war ein Weg, der die Dynastie und das von ihr repräsentierte und geführte Land mehrfach an den Rand seiner Existenz brachte. Insbesondere die Unbedingtheit im Einsetzen politischer und militärischer Mittel ist für uns heute nur noch schwer nachzuvollziehen.

Genauso schwer fällt uns der Umgang des unter Ägide des Hauses Hohenzollern begründeten Kaiserreichs. Der Gründungsakt am 18. Januar 1871 war so wichtig, wie der gewählte Ort, die Galerie des Glaces im Schloss von Versailles, dem französischen Nationaldenkmal schlechthin, unpassend und für die französischen Nation demütigend war. Wilhelm I. hat diesen Frevel gespürt, auch dass „sein Preußen“ im deutschen Nationalstaat untergehen würde. Und dennoch: Mag das zweite Reich durch seines Gründungsmythos erste Risse erfahren haben – es war und ist, trotz der beispiellosen Tiefpunkte des 20. Jahrhunderts und seiner Folgen die Grundlage für unsere heutige freiheitlich-demokratische Gesellschaft.

 

Stefan Schimmel, Kurator