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Today Family History
 
 

Zur Erinnerung an Kurt Freiherr von Plettenberg (1891-1945)

 
 
Kurt Freiherr von Plettenberg war von 1942 bis zu seiner Verhaftung am 3. März 1945 Generalbevollmächtigter des Hauses Hohenzollern. In einer bewegenden Feier am 19. Juli 2012 in der Kirche zu Bornstedt/Potsdam gedachte der Sohn Karl-Wilhelm Freiherr von Plettenberg des Vaters.

 

Sehr verehrte Anwesende,

Die Stadt Potsdam hat 1989 einen würdigen Gedenkstein auf dem Grab meines Vaters errichten lassen. Vor wenigen Jahren erwies sie seinem Leben und Sterben erneut Hochachtung, indem sie eine Straße nach ihm benannte. Unsere Familie hat sich darüber gefreut. Ich danke Frau Reiche und Frau Dr. Carmen Klockow, die sie heute vertritt, dafür, dass ich am Vortage des 20. Juli zu Ihnen sprechen darf.

Einiges ist bereits über meinen Vater bekannt: Kurt Plettenberg war als Mitglied des inneren Kreises an den Vorbereitungen des Attentats vom 20. Juli 1944 und des Plans ’’Walküre’ beteiligt. Von Anfang 1942 bis zu seiner Verhaftung am 3. März 1945 in Schloss Cecilienhof war er der Generalbevollmächtigte des Hauses Hohenzollern. Er wurde in das Hausgefängnis der Gestapo in die Prinz- Albrecht- Straße, Berlin gebracht und von der Sonderkommission 20. Juli vernommen. Als ihm nach siebentägiger Haft verschärftes Verhör, also Folter, angedroht wurde, versetzte er einem der leitenden Beamten einen Kinnhaken, sprang blitzschnell auf das Fensterbrett - es war im vierten Stockwerk - und stürzte sich in den Freigangshof. Kurz vor seinem Tod hatte Plettenberg den Verschwörer und Mithäftling Fabian von Schlabrendorff über seine ausweglose Lage informiert. Dieser gab 1947 über den Ablauf eine eidesstattliche Erklärung ab. Schlabrendorff hat das Buch ’Offiziere gegen Hitler’ geschrieben. Später wurde er einer der obersten Richter der Bundesrepublik am Bundesverfassungsgericht.

Meine Familie ist mit der Stadt Potsdam durch viele Erinnerungen verbunden. Großvater Karl von Plettenberg war hier Hauptmann eines Bataillons im 1. Garde-Regiment zu Fuß, bevor man ihn als Major im Jahr 1890 nach Bückeburg in Schaumburg-Lippe versetzte. Dort wurde mein Vater am 31. Januar 1891 geboren. Sein vorher in Potsdam zur Welt gekommener Bruder Karl-Wilhelm, nach dem ich genannt bin, fiel im I. Weltkrieg schon 1914 in der Normandie. Als Großvater Karl in seiner militärischen Karriere 1913 Generaladjutant von Kaiser Wilhelm II. wurde, vor allem aber Kommandierender General des Gardecorps, hatte die Familie wieder in Potsdam ihren Wohnsitz. Anfang 1917 musste mein Großvater wegen seiner Kritik an der Kriegsführung zurücktreten.

Im Oktober 1914, kurz nach Ausbruch des I. Weltkrieges, wurde meine Mutter Arianne Freiin v. Maltzahn in einer Potsdamer Klinik geboren. Ihr Elternhaus stand jedoch bei Treptow an der Tollense in Vorpommern. Mein Vater - er war 23 Jahre älter als meine Mutter - hat den I. Weltkrieg als Maschinengewehroffizier bis zum Ende mitgemacht.

Berufssoldat wie sein Vater wollte er nicht werden. Er war Soldat, wenn es die Pflicht erforderte. Sein Beruf, dem er mit Hingabe diente, war Forstmann zu sein und zwar ein führend tätiger Forstmann. Sein lebhafter Geist ging jedoch über die engeren Fachgrenzen hinaus und er hatte gewiss die Fähigkeit, auch in anderen Ressorts kompetent mitarbeiten zu können. Für seinen Berufsweg war kennzeichnend ein Wechsel zwischen staatlichen und privaten Stellungen.

Nach zwei Jahren als Holzhandelsdezernent an der Regierung zu Stralsund zählten sieben Jahre in Friedrichstein/Ostpreußen wohl zu seinen glücklichsten. Bei Heinrich Graf Dönhoff war er ab 1923 zunächst als Oberförster tätig, dann als Bevollmächtigter auch für die Gesamtverwaltung des Großgrundbesitzes zuständig. In diesen Jahren festigten sich lebenslange Freundschaften mit Marion Dönhoff, deren Cousine Karin und Bruder Heinrich Graf Lehndorff. Dieser wurde nach dem 20. Juli hingerichtet.

In ihren bewegenden Erinnerungen schrieb Marion Dönhoff im Jahr 1985: ’Plettenberg hat auf mich in jenen Jahren tiefen Eindruck gemacht. Ich glaube sicher, dass - für mich ganz unbewusst - sich damals einige der Maßstäbe gebildet haben, die dann für mein Denken und Urteilen im Leben entscheidend geworden sind.’ Und sie schrieb auch: ’Ich habe kaum jemanden anderen gekannt, der so von innerer Heiterkeit erfüllt war.’ Diese entsprang, wie unsere Familie weiß, seiner tiefen Gläubigkeit.

Wie so viele Deutsche erlag auch mein Vater anfangs der Verführung, Hitler würde Deutschland nach der Niederlage von 1918 und dem schmachvollen Frieden mit seinen drückenden Bedingungen, wieder zu alter Größe führen. Die wachsende Distanz zum nationalsozialistischen Staat lässt sich jedoch anhand von Tagebüchern sowie seiner persönlichen und dienstlichen Korrespondenz belegen. Mit Marions ältestem Bruder Heinrich Dönhoff teilte mein Vater die gleiche Ansicht, dass in der Erhaltung des ganz großen Grundbesitzes keine der wichtigsten Aufgaben des Staates bestehe, wenn man Mittel und Wege fände, durch Teilung solchen Besitzes gesündere soziale Verhältnisse zu schaffen. Hier berührten sich offensichtlich die ’sozialistischen’ Tendenzen im Parteiprogramm der NSDAP mit dem ausgeprägten sozialen Empfinden meines Vaters.1)

Auch gefiel ihm der Gedanke der Volksgemeinschaft. Er sprach sich aber gegen die Gleichschaltung der Gesellschaft aus. Nach der Entlassung seines Vorgesetzten Kammerdirektor Dr. Franz Mendelsson wegen dessen jüdischer Herkunft hielt er zu ihm und setzte sich für ihn ein. Auch kritisierte er scharf die Überführung seiner ehemaligen Studenten-Vereinigung (Akademische Feldjägergesellschaft) in eine NS-Kameradschaft. In die NSDAP ist er nie eingetreten, obwohl er mehrfach provokativ dazu aufgefordert wurde.

Im Jahr 1930 verließ mein Vater Friedrichstein und übernahm das Forstressort in der preußischen Landwirtschaftskammer. Von da wechselte er in das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft und schließlich ins neugegründete Reichforstamt, das Göring unterstellt wurde. In beiden Stellungen leitete er das Haushaltsreferat.1937 verließ er - trotz Beförderung zum Oberlandforstmeister - dieses Amt auf eigenen Wunsch. Er hatte längst erkannt, dass er den falschen Herren diente. Nach Aussage vom persönlichen Referenten des ehemaligen Generalforstmeisters Walter v. Keudell, dessen Ablösung Göring wegen seiner nachhaltigen, also ökologischen Forstpolitik, (’Dauerwaldkonzeption’) betrieben hatte, sollte mein Vater sein Nachfolger werden. Nicht weiter erstaunlich, wusste mein Vater als Forstwirt - wohl im Unterschied zu Göring, der für seine üppige private Lebenshaltung bekannt war - auch mit Geld umzugehen. Göring hatte schon bald nach seinem Amtsantritt eine 50%-ige Erhöhung des Hiebsatzes pro Jahr gefordert, was mit der Einzelstammwirtschaft Keudells nicht in Einklang zu bringen war.

Die Indienstnahme der Forstwirtschaft für die Aufrüstungspolitik der Reichsregierung, die meinem Vater ein Mitwirken an der Zerstörung deutscher Wälder im Interesse der Kriegswirtschaft aufgezwungen hätte, war mit ihm nicht zu machen. Seiner Schwester Luise gegenüber äußerte er sich mit drastischen Worten: ’Ich lasse mich nicht zum Schlächter des deutschen Waldes machen’. Göring berief dann den SS-Obergruppenführer Friedrich Alpers, Finanzminister in Braunschweig, als neuen Generalforstmeister. Damit hatte er zwar auch einen Mann, der mit Geld umzugehen wusste, aber Alpers war kein Forstwirt. Mit der ökologischen Forstwirtschaft im Reich war es endgültig aus.

Mein Vater entschied sich für ein Angebot von Wolrad Prinz zu Schaumburg-Lippe, Chef des fürstlichen Hauses, und ging als dessen Hofkammerpräsident im Sommer 1937 nach Bückeburg. Er sanierte die umfangreichen Besitzungen, die etwa 80.000 Morgen umfassten. Da der Vermögensverwaltung Liegenschaften unterstanden, die nicht nur in Schaumburg-Lippe, sondern auch in Mecklenburg und Österreich lagen, erforderte deren Lenkung viele Reisen.

Meine Eltern, die 1934 in Schossow/Vorpommern, dem elterlichen Gut meiner Mutter, geheiratet hatten, wohnten bis Sommer 1937 in Berlin-Charlottenburg, wo 1936 meine leider schon verstorbene Schwester Christa-Erika geboren wurde. Nach dem Umzug kam ich in Bückeburg 1938 zur Welt, meine jüngere Schwester Dorothea-Marion im Kriegsjahr 1943. Es waren anfangs sehr glückliche Jahre in der Kleinstadt, aber nach Ausbruch des II. Weltkrieges änderten sich auch dort die Lebensumstände.

Manchmal nach eigenen Erinnerungen gefragt, möchte ich heute nur sagen, dass mir als Junge Vaters Sportlichkeit imponierte: Er war ein guter Schwimmer, ein vorzüglicher Reiter, vor allem aber ein durchtrainierter Boxer. Vor Ausbruch des I. Weltkrieges wurde er Meister seiner Gewichtsklasse (Mittelgewicht) im deutschen Heer. Also ein Klitschko war er nicht! Ich denke, das war damals schon außergewöhnlich für einen Mann seiner Herkunft, ja, ist es wohl auch heute noch. Zweifellos hat ihm auch sein stets durchtrainierter Körper in beiden Weltkriegen geholfen durchzuhalten..

Mit seiner Rekrutierung im August 1939 als Hauptmann der Reserve - damals 48 Jahren alt - zum Traditionsregiment, dem IR 9, kam mein Vater in Kontakt mit vielen Gleichgesinnten. Unter den jüngeren Offizieren waren es Männer wie Axel v. d. Bussche, Ludwig v. Hammerstein, Karl Klausing, Ewald-Heinrich v. Kleist, Fritz-Dietloff v. d. Schulenburg, Hans-Alexander v. Voss und Joachim v. Willisen; unter den älteren besonders zu nennen: die ihm nahestehenden Kameraden aus dem I. Weltkrieg: Carl-Hans v. Hardenberg sowie die Brüder Gerd und Henning v. Tresckow.

Mein Vater nahm im September am Polenfeldzug teil. Wie sehr er darunter gelitten hat, entnahm ich seinen Briefen an meine Mutter und eine Cousine.2) Unter Generalmajor Walter v. Brockdorff-Ahlefeld, Kommandeur der 23. Division, war mein Vater ab 1939 IIa-Adjudant und als Major der Reserve an der Westfront stationiert. Brockdorff-Ahlefeldt hatte mit seiner Truppe in Potsdam bereits 1938 bei der Septemberverschwörung unter dem Befehl von Generaloberst Erwin v. Witzleben für die Besetzung Berlins bereit gestanden.

Anfang Februar 1940 forderte Brockdorff-Ahlefeld, mit dem er sich duzte, meinen Vater als 1. Div. Adjutanten an. Mein Vater war darüber unglücklich, denn er wollte nicht länger im Generalstab arbeiten, sondern wieder zu den Soldaten kommen.  Aus einem Brief an seinen Regimentskameraden Henning v. Tresckow ein Jahr später wird seine Einstellung deutlich: ’Ich habe ja selbst lernen müssen, wie unerfreulich für einen einigermaßen aktiven Menschen die Stellung des Divisions-Adjutanten ist.’

Es folgte der Krieg gegen Russland. Ab Juli 1940 übernahm mein Vater unter dem Kommando des Obersten Werner von u. zu Gilsa das III. Bataillon des Infanterie Rgt. Nr. 9. Ein Jahr später führte mein Vater in Nordrussland zuerst ein Bataillon im Regiment 415, im Herbst des Jahres zwei Monate lang auch das ganze Regiment. An Tapferkeit hat es ihm nicht gefehlt. Ihm wurde neben anderen Ehrenzeichen das Deutsche Kreuz in Gold verliehen. Das war ein neuer Orden. Er setzte voraus, dass man nachweislich fünfmal die Bedingungen für das Eiserne Kreuz erster Klasse - und dies getrennt voneinander - erfüllt hatte.  

Gegen Ende des Jahres 1941 wurde er beurlaubt, um die Stellung als Generalbevollmächtigter des vormals regierenden Preußischen Königshauses antreten zu können. Außerdem übernahm er die Leitung der Vermögensverwaltung. Als ’Drückeberger’ wollte er nicht gesehen werden, aber seine zwei Gesuche um Wiederverwendung wurden ablehnend beschieden. Die Fürstlich Schaumburg-Lippe’sche Verwaltung führte er weiter; sein zweiter Dienstsitz war ab Januar 1942 jedoch im Niederländischen Palais, Unter den Linden in Berlin. Damit hatte er, im Unterschied zu vielen Männern an den Fronten, viel mehr Möglichkeiten, sich über die politischen und militärischen Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten.

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1) Die Auffassungen meines Vaters sind in einem Brief vom 31. Oktober 1933 an Hermann Graf v. Arnim, der ihm 1933 die Leitung seines Großgrundbesitzes Muskau (früher Besitz des Fürsten zu Pückler) angeboten hatte, enthalten:
’...Ich sehe aber klar, dass in der heutigen Zeit die Tendenz der verantwortlichen Staatsregierung im allgemeinen dem ganz großen Grundbesitz nicht freundlich ist, und ich gestehe, - mit Heini Dönhoff bin ich in diesem Punkte immer einer Ansicht gewesen, - dass ich selbst, wenn ich mir vom Standpunkt der verantwortlichen Staatsregierung die Dinge ansehe, die Erhaltung des ganz großen Grundbesitzes nicht für eine der wichtigsten Aufgaben des Staates an sich halte, wenn man Mittel und Wege fände, durch die Teilung solchen Besitzes gesundere soziale Verhältnisse zu schaffen. (...) Andererseits glaube ich, dass große Waldbesitze von solchen Zersplitterungsabsichten im allgemeinen geschützt sind, so dass auch die heutige Regierung gegen sie nichts unternehmen wird. Auch ich persönlich sehe in der Erhaltung großen Waldbesitzes in einer Hand eine wesentliche Aufgabe.’

2) Der fünfzigjährige Kurt v. Plettenberg hat später, als er schon beim Divisionsstab unter Brockdorff-Ahlefeld an der Westfront war, in einem Brief vom 3. November 1939 an die ihm besondesr nahestehende Cousine Elisabeth von Sydow über seine Empfindungen im sog. Blitzkrieg (Überfall auf Polen) gesprochen:
’... M. liebes Bäschen, du wirst Dir denken können, wie sehr auch ich unter Allem leide. Ich bin meiner innersten Einstellung nach wohl wirklich ein ’Pazifist’ u. ich habe in Polen unter dem unverminderten Grauen des Krieges vielleicht mehr noch gelitten wie vor 25 Jahren. Ich fürchte auch die bevorstehenden Katastrophen der Menschheit, aber ich kann nicht, wenn die junge deutsche Mannschaft kämpft, abseits stehen. Das Einzige, was einen in solchen Zeiten tröstet, ist die Treue und Tapferkeit der jungen Soldaten u. das hilft über so manches hinweg... Und wenn - es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass die Chancen dafür sehr groß sind - ich nicht heimkomme, so erhalte meiner lieben, kleinen Frau die Freundschaft und erzähle ihr manchmal von dir und mir. Ich habe mein Herz so völlig an ihre natürliche, anmutsvolle weibliche Art verloren, dass mir dieser Krieg unendlich viel schwerer wird als der vorige. Nicht so sehr meinetwegen als meiner Frau und der Kinder wegen. Aber was soll ich machen, ich kann nicht zusehen. ... Immer dein dankbarer Kurt.’ (Unterstreichungen im Original)
Carl-Hans v. Hardenberg schreibt im ersten Satz einer längeren Erklärung am 10. Februar 1947, ’dass Kurt Freiherr von Plettenberg, Bückeburg, seit dem Jahre 1939 aktiv der Deutschen Widerstandsbewegung angehört hat.’
 
 
 
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Karl-Wilhelm Freiherr von Plettenberg