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Scapa Flow . Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte - 2. Teil

 
  Großbritannien will die Schiffe wegen der bevorstehenden Verkleinerung seiner Marine zwar nicht in eigene Dienste übernehmen, es will sie aber auch nicht mit anderen Mächten teilen. Aus seiner Sicht kommt nur eine Aufteilung nach Kriegsverlusten in Frage, von der England am meisten und die Amerikaner am wenigsten profitiert hätten. Die Amerikaner befürworteten angesichts ihres großen Bauprogramms die Versenkung der deutschen Flotte, während kleinere Seemächte wie Frankreich, Belgien, Polen und Portugal nach ihrem Anteil am Kuchen verlangen. Eine Umwandlung in Handelsschiffe kommt als unwirtschaftlich nicht in Frage, eine Überstellung an den geplanten Völkerbund ist noch Zukunftsmusik, auch wären die Schiffe bis dahin wohl veraltet. Gegen eine Versenkung spricht schließlich die große Materialvergeudung. Während die Londoner Admiralität spätestens seit Februar verschiedene Versenkungspläne diskutiert, haben sich Lloyd George, Clemenceau und Oberst House am 7. März darauf verständigt, Frankreich einen gewissen Anteil an der Flotte zuzusprechen. Offenbar kann Frankreich die immer wieder aufbrechenden Interessengegensätze zwischen der alten europäischen und der neuen kontinentalen Seemacht für sich nutzen.

Während das Schicksal der Schiffe unklar bleibt, werden am 11. Mai die Friedensbedingungen durch die englischen Zeitungen auf dem Internierungsverband bekannt. Die Seemacht des Deutschen Reiches wird in Artikel 181 begrenzt auf 15.000 Mann und 1.500 Offiziere, sechs veraltete Panzerschiffe, sechs Kleine Kreuzer, zwölf Zerstörer und zwölf noch kleinere Torpedoboote. Unterseeboote und Flugzeuge werden ganz verboten. Reuter ist fest entschlossen, kein Schiff in die Hände des Gegners fallen zu lassen. Bei der Überführung zum Firth of Forth hatte Reuter noch das Staatswohl über die Ehre des Offiziers gestellt, nun fällt die Priorität anders aus. Als die deutsche Regierung auch nach Bekanntgabe der Friedensbedingungen keine Anstalten macht, sich für die Flotte besonders einzusetzen, ist für ihn die Sache entschieden. Ein Brief, den ihm am 26. März der Chef der Admiralität, Konteradmiral von Trotha geschrieben hatte, mag ihn bestärkt haben, wurde doch in diesem Schreiben, das die Engländer später als Versenkungsbefehl auslegten, die Auslieferung der Flotte an den Feind prinzipiell ausgeschlossen.

Nachdem am 17. Juni die Mannschaften noch einmal um etwa 3.000 Mann reduziert wurden, verläßt das englische Wachgeschwader am Morgen des 21. Juni 1919 plötzlich die Bucht, um eine Torpedoübung auf offener See abzuhalten. Gerüchteweise sind Besetzungspläne der Engländer bereits zu den Deutschen durchgedrungen, und so ist es schwer vorstellbar, daß die durchaus mit Lärm verbundenen und ihrerseits viele Gerüchte erzeugenden Versenkungsvorbereitungen den Engländern gänzlich verborgen geblieben sein sollen. Die schriftlichen Versenkungsbefehle, einschließlich des Signals „Paragraph elf bestätigen“ sind bereits Wochen zuvor wie alle Post innerhalb des Verbands von den englischen Postdampfern zugestellt worden.

Ventile, Schleusen und Torpedorohre werden geöffnet, die Kriegsflagge wird gesetzt. Auf der Seydlitz ertönt ein Hornruf nach einem alten Reiterlied. Die Männer besteigen unter drei „donnernden Hurras“ Boote und Flöße. Sechzehn Minuten nach zwölf ist Friedrich der Große schon gesunken. Viel zu schnell, denn so werden die Bewacher früh aufmerksam. Bald kehrt die englische Flotte von ihren Übungen auf See in die Bucht zurück und versucht das Wenige zu retten, was zu retten ist. Der materielle Verlust ist beträchtlich. Gerechnet nach Anzahl der Schiffe sind 70% der internierten Flotte, nämlich 52 Einheiten, gerechnet nach der Verdrängung 95% des Schiffsmaterials verloren (400.000 Tonnen), auch wenn bis 1939 mehrere Schrotthändler von der aufwendigen Bergung der meisten Schiffe profitieren werden. Selbst die wenigen Schiffe, die am Abend des Mittsommertages von 1919 noch schwimmen, sind kaum mehr zu gebrauchen. Neben der Verbrennung der Beutefahnen aus dem deutsch-französischen Krieg vor dem Berliner Zeughaus am 23. Juni 1919 ist die Selbstversenkung die einzige unmittelbare Widerstandshandlung gegen den Versailler Vertrag.

Im Laufe des Nachmittags und Abends werden die Besatzungen vom englischen Wachgeschwader übernommen. Eines der Schiffe, das sie am nächsten Tag in die Kriegsgefangenschaft bringt, ist die Royal Oak, die in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1939 in Scapa Flow von U 47 unter Günther Prien versenkt werden sollte. Aus der Kriegsgefangenschaft kehren die deutschen Besatzungen Ende Januar 1920 nach Wilhelmshaven heim, nachdem am 10. Januar der Friedensvertrag ratifiziert worden war. Zuvor mußten die Verhandlungen zwischen den Siegermächten und dem Deutschen Reich über die Ersatzforderungen für die in Scapa Flow versenkten Schiffe abgeschlossen werden, die sich am Ende auf 300.000 Tonnen Hafenmaterial wie Schlepper, Docks und Schwimmkräne beliefen. Zusammen mit den Restforderungen der Alliierten, die auch die Verteilungsfrage noch einmal aufwarfen, hat das Deutsche Reich am Ende des Ersten Weltkriegs 188 Überwasserschiffe eingebüßt.
Sammlung Andreas Krause Landt
Die 'Derfflinger' wenige Minuten vor dem Untergang
Gerade die, die das Ende des Kaiserreichs begrüßten, verurteilten die Selbstversenkung der Flotte als anachronistischen Militarismus. Andererseits ließ sich Adolf Hitler, der 1919 in München seine ersten Reden hielt, 1943 mit der Ansicht vernehmen, „die Versenkung in Scapa Flow sei kein Ruhmesblatt der Marine“, weil man statt dessen mit der Flotte lieber hätte kämpfen sollen. Ein Mangel an Militarismus war es offenbar, der Adolf Hitler mit seiner romantischen Selbstvernichtungspolitik davon abhielt, der Tat von Scapa Flow Bewunderung zu zollen.

Beschämend offensichtlich waren der absichtliche oder unabsichtliche Anteil Großbritanniens an der Selbstversenkung, der es schwierig macht, Reuters Tat als heroisch oder militaristisch zu bezeichnen. Gegen eine einmal eingeleitete Versenkung konnte man nicht viel machen, aber die Kehrseite dieses Arguments war natürlich, daß Reuters Tat hätte verhindert werden können, wenn die Schiffe frühzeitig besetzt worden wären. Harold Nicolson, Berater der britischen Friedensdelegation, berichtete: „In den Augen der Franzosen haben wir an anvertrautes Pfand veruntreut. Wir stehen da wie die Narren und Schelme.“

Die Meinung der Royal Navy dürfte am deutlichsten in einer Bemerkung zum Ausdruck gekommen sein, die Admiral Wemyss in Paris gegenüber einem Kollegen tat: „Ich betrachte die Versenkung der deutschen Flotte als einen wahren Segen. Sie enthebt uns ein für allemal der haarigen Verteilungsfrage und erspart uns gewaltige Probleme.“ Admiral Fremantle, der am Tag der Versenkung das Wachgeschwader kommandierte, bezeichnete Reuters Tat Jahre später als einen „Akt des Friedens“. Kapitänleutnant Kenworthy, der im Ersten Weltkrieg Mitglied des Kriegsstabs der Admiralität war, behauptete in seiner 1933 erschienenen Autobiographie, Großbritannien habe das Deutsche Reich zur Versenkung regelrecht aufgefordert, um eine Verteilung der Schiffe an andere Mächte zu verhindern.

Die Tatsache, daß Großbritannien die Vernichtung deutscher Seemacht mit der eigenen Vormachtstellung zur See bezahlen mußte, verleiht der Selbstversenkung von Scapa Flow dies doppelte Gesicht: Einerseits kommt in ihr die Stärke der Siegermacht zum Ausdruck, andererseits aber auch ihre Schwäche, weil das Ende der deutschen Schiffe zugleich die begrenzte Verfügungsgewalt der Briten demonstriert und damit die Schwierigkeit aller Koalitionskriege, die Einigkeit der Sieger zu bewahren oder überhaupt erst herzustellen. Man könnte die Selbstversenkung fast als einen versöhnlichen Akt beschreiben. Irgendeine Übereinkunft in der Versenkungsfrage, auch unausgesprochener Art, muß es gegeben haben, auch wenn ein Beweis dafür nicht vorliegt. Beide Seiten, die deutsche und die englische, waren darauf angewiesen, strengstes Stillschweigen zu wahren. Die allseits befriedigende Lösung brauchte den Anschein egoistischer Motivation.

Für Leib und Leben der Besatzungen war die Sache glimpflich abgelaufen, auch wenn die neun Erschießungen Kriegsverbrechen waren, für die niemand zur Verantwortung gezogen wurde. In Lyness auf der Insel Hoy liegt oberhalb der kleinen Siedlung der auffallend gepflegte Marinefriedhof mit weitem Blick über die Bucht und einer großzügigen Abteilung für die deutschen Gefallenen beider Weltkriege. Ihre Ruhestätten befinden sich in gemessenem Abstand zu den Gräbern ihrer einstigen Gegner, aber innerhalb derselben Mauer.

Literatur:

S. C. George: Vom Skagerrak nach Scapa Flow. Die Hebung der versenkten deutschen Flotte, Stuttgart (Motorbuch Verlag) 1975

Andreas Krause: Scapa Flow. Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte, Berlin (Ullstein) 1999

Ludwig von Reuter: Scapa Flow. Das Grab der deutschen Flotte, Leipzig (Koehler) 1921

Friedrich Ruge: Scapa Flow 1919. Das Ende der deutschen Flotte, Oldenburg und Hamburg (Stalling) 1969

Dan van der Vat: The Grand Scuttle. The sinking of the German Fleet at Scapa Flow in 1919, Staplehurst (Spellmount), 1982
 
 
 
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