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Scapa Flow. Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte - 21. Juni 1919

 
 
Andreas Krause Landt M. A., geboren 1963 in Hamburg, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Heidelberg und Berlin. Er ist freier Journalist und Buchautor und berichtete für die Berliner Zeitung über das Preußenjahr 2001. 1999 erschien im Ullstein Verlag "Scapa Flow - Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte".

Nach vier Jahren Weltkrieg ruhen ab dem 11. November 1918 die Waffen. Acht Tage später bricht die Deutsche Kriegsflotte in einer fünfzig Kilometer langen Linie von Wilhelmshaven zu ihrer letzten Fahrt auf. Die 74  Linienschiffe, Kreuzer und Torpedoboote erfüllen eine Bedingung des Waffenstillstandsvertrags zwischen den Siegermächten und dem Deutschen Reich. Darin wird die Auslieferung aller deutschen U-Boote und die Internierung der modernsten Überwassereinheiten verlangt. Die Schiffe sind vollständig abgerüstet. Die zweitstärkste Flotte der Welt, einst populäres Symbol der Reichseinheit, ist unbewaffnet.

Erst drei Wochen zuvor hatten die meuternden Heizer und Matrosen die meisten Offiziere von Bord gejagt. In der Annahme, die Schiffe würden als „vorübergehendes Pfand“ beim Friedensschluß nach Deutschland zurückkehren, hatte auch der Oberste Soldatenrat die Mannschaften aufgerufen, „im Dienste des Vaterlandes der neuen deutschen Republik ihre Wehrkraft zu erhalten“. Mit einem Minimum an Autorität hatten die Offiziere die seemännische Führung der Schiffe zum Firth of Forth übernommen, der Bucht von Edinburgh. Admiral Sir David Beatty, Oberkommandierender der Grand Fleet, macht aus dem Empfang der deutschen Schiffe eine große Siegesparade und fährt ihnen mit seinen Schlachtschiffen in zwei langen parallelen Linien entgegen. Ein solches Flottenaufgebot hat es noch nie gegeben: 90.000 Mann auf 370 Schiffen. Immer wieder trägt der Wind die englischen Hurras hinüber, als die Grand Fleet schließlich Beattys Flaggschiff, die „Queen Elizabeth“ passiert.

Am 22. November fahren die ersten Torpedoboote weiter nach Scapa Flow, einer von den Orkney-Inseln gebildeten Bucht im Norden Schottlands. Sie war im Krieg für lange Zeit Stützpunkt der Grand Fleet im Rahmen der britischen Fernblockade, als die Nordseezugänge nicht nur am Ärmelkanal, sondern auch zwischen Schottland und Norwegen für die deutsche Schiffahrt gesperrt waren. Am 27. November treffen die letzten Schiffe des Überführungsverbands in Scapa Flow ein und gehen für die kommenden sieben Monate vor Anker. In Versailles verständigen sich die Siegermächte auf eine drastische Reduzierung der deutschen Marine und fordern am Ende die Übergabe der internierten Flotte sowie weiterer Schiffe. Ihre zukünftige Verwendung – Vernichtung oder Aufteilung unter den Siegermächten – war einer der strittigsten Punkte der „Seeschlacht von Paris“, wie Paul Kennedy die Friedensverhandlungen auch genannt hat, und blieb bis zum Schluß ungeklärt. Hinter den offiziell vorläufigen Maßgaben des Waffenstillstands stand noch ein endgültiger Entschluß – die internierte Flotte niemals zurückzugeben –, hinter dem endgültigen Entschluß des Friedensvertrags – die Auslieferung der Flotte zu verlangen –, stand eine offene Frage.

Die große Flottenparade vom 21. November 1918 sollte als eine „sichtbare Demonstration“ (Beatty) des Sieges über die Kaiserliche Flotte an den Kriegsbeitrag der britischen Marine erinnern; um so mehr, als der Seekrieg gegen das Deutsche Reich unentschieden geblieben und die Kriegsentscheidung in Frankreich gefallen war. Zwar hatte die deutsche Hochseeflotte 1916 am Skagerrak einen taktischen Sieg davongetragen, aber auch damit hatte sie die Fernblockade nicht durchbrechen können. Die Kaiserliche Marine hatte den Seekrieg verloren, ohne besiegt worden zu sein, und die Royal Navy hatte ihn gewonnen, ohne gesiegt zu haben. Diese Tatsache nahm der britische Feldmarschall Sir Henry Wilson am 21. November 1918 zum Anlaß, in seinem bitteren Glückwunsch an Admiral Beatty die Dinge ein wenig zurechtzurücken: „You have given us their army, and we have given you their fleet.“

Während auf der Grundlage des deutschen Waffenstillstandsangebots an den amerikanischen Präsidenten Berlin und Washington im Oktober 1918 in einen schwerfälligen Notenwechsel eintraten, verabredeten England, Frankreich und Italien unter sich die Waffenstillstandsbedingungen. Als der Abgesandte Präsident Wilsons, Oberst House, am 26. Oktober nach Paris kam, war schon alles gelaufen. In letzter Minute ließen die Unterhändler der Royal Navy sogar einen entscheidenden Zusatz in die Waffenstillstandsbedingungen einfügen: Wenn schon Internierung, dann sollte sie in neutralen Häfen „oder in deren Ermangelung in Häfen der alliierten Mächte“ erfolgen, so daß ein neutraler Hafen gar nicht gesucht werden mußte. Lloyd George wurde das inoffizielle Versprechen abgerungen, daß die internierte Flotte niemals nach Deutschland zurückkehren würde.
Sammlung: Andreas Krause Landt
Aus dem „Überführungsverband nach dem Firth of Forth“ ist im Handumdrehen der „Internierungsverband Scapa Flow“ geworden. Zur Bewachung liegen ständig ein englisches Wachgeschwader und eine Zerstörerflottille in der Bucht. Außerdem stehen kleine bewaffnete Dampfer zur Verfügung, die zum Teil Tag und Nacht die Flotte umkreisen. Gleich nach der Ankunft drängen die Briten gemäß Waffenstillstandsvertrag darauf, die Besatzungen zu reduzieren. Von insgesamt 20.000 Mann werden im Laufe des Dezember 15.000 Mann nach Kiel und Wilhelmshaven gebracht. Während der Überfahrt kommt es zu den in dieser Zeit fast schon gewohnten Auseinandersetzungen zwischen Soldatenräten und Offizieren.

Nach den Mannschaftsreduzierungen kann die sogenannte „materielle“ Fahrtbereitschaft bis zum letzten Tag erhalten bleiben, nur das Personal hätte nach der zweiten großen Reduzierung der Mannschaften am 17. Juni 1919, wenige Tage vor der Versenkung, schließlich nicht mehr ausgereicht, um die Schiffe nach Deutschland zurückzubringen. Nachdem die Mannschaftstransporte Scapa Flow verlassen haben, gibt es außer den nötigsten Reinigungs- und Wartungsarbeiten nicht mehr viel zu tun. Es wird musiziert und getanzt, gelesen, geschrieben, gebastelt, gespielt und, natürlich, getrunken. Wer Englisch versteht, kann Zeitungen lesen. Weihnachten, Ostern, im Frühjahr einige Wochen „Außenbordma­len“ und der Jahrestag der Skagerrakfeier am 31. Mai 1919 bleiben die wenigen Höhepunkte. Landgang ist verboten, der Bootsverkehr zwischen den Schiffen ist nur Reuter und den beiden Marinegeistlichen gestattet.

Der Internierungsverband muß aus Deutschland versorgt werden. Nur Kohlen, Wasser und Öl liefern die Engländer gegen Bezahlung. Pro Tag braucht der Verband 1.000 Brote, dazu die entsprechenden Mengen Fleisch, Kartoffeln und Gemüse. Die Nachkriegswirren in der Heimat machen eine ausreichende Versorgung aber fast unmöglich, das Frischfleisch muß bei der Ankunft oft vernichtet werden, und so entwickelt sich ein reger Tauschhandel unter den Schiffen, auch mit den Engländern, was offiziell verboten ist. Mit der Zeit stellen sich Mangelerscheinungen wie einzelne Fälle von Skorbut ein. Etwa 700 Mann leiden monatelang unter Zahnschmerzen.

Der direkte Funkverkehr mit der Heimat ist den deutschen Schiffen untersagt. Der Postverkehr unterliegt englischer Zensur. Reuter und der Internierungsverband sind weitgehend auf sich gestellt. Mehr als förmliche Proteste gegen die Internierungsbedingungen, die auf Kriegsgefangenschaft hinauslaufen, kann man von der deutschen Regierung nicht erwarten. Um den Jahreswechsel 1918/19 herum kommt es auf dem Flaggschiff Friedrich der Große zu regelrechten Meutereien, die Reuter dazu bewegen, mit seinem Stab auf die kleinere, aber loyale Emden umzuziehen. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Revolution, in der Abgeschiedenheit des hohen Nordens, bewacht vom einstigen Gegner und mit unklaren Zukunftsperspektiven erscheint die Aufrechterhaltung der alten Ordnung vielen einigermaßen sinnlos. Preiswerte Umschulungskurse für bald überflüssige Soldaten in Kiel, Wilhelmshaven und anderen Garnisonen werden zuende sein, wenn die Internierten zurückkehren. Auch werden in der Heimat inzwischen höhere Zulagen gezahlt. Auf der einen Seite scheitern die Soldatenräte mit ihren Versuchen, die englischen Mannschaften aufzuwiegeln, auf der anderen feiert am 27. Januar 1919 die Besatzung des Kleinen Kreuzers Bremse den Geburtstag des Kaisers in Paradeuniform.

Die Befehle, denen die Mannschaftsvertreter seit der Revolution widersprechen dürfen, hat Reuter zum großen Teil von den Engländern übernommen, die er erst einmal darüber aufklären muß, daß die deutschen Offiziere mit den Meutereien nichts zu schaffen haben. Der Soldatenrat untergräbt die Autorität der Verbandsleitung mit dem Argument, Reuter würde mit den Gegnern gemeinsame Sache machen. Tatsächlich ruft Reuter gelegentlich die Waffengehalt der Engländer herbei, um seine meuternden Mannschaften in Schach zu halten. Der Konflikt innerhalb des deutschen Verbands kommt den Engländern durchaus gelegen, solange er keine gewaltsamen Formen annimmt. Besonders auf den großen Schiffen geht es im Unterschied zu den kleinen Einheiten wie den Torpedobooten zum Teil sehr chaotisch zu. Auf den großen Schiffen mit ihren strengen Hierarchien gab es ein klassisches Proletariat, das nicht nur aus materieller Not, sondern auch wegen des langen Stillhaltens der Flotte unruhig geworden war.
 
 
 
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