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Fortsetzung

 
 
Ladislaus Graf Szögyenyi-Marich, Botschafter Österreich-Ungarns im kaiserlichen Berlin
Noch dazu war  das Botschaftspalais in einem schlechten Zustand. So depeschierte Szögenyi am 7. Februar 1895 - in Ziffern - nach Wien: „Im Treppenhaus des Botschaftshotels ist ein Teil des Plafonds heute morgen herabgestürzt.  Zum Glück wurde niemand verletzt“. 1897 beantrage Szögenyi die „Einführung des electrischen Lichtes... das Palais unserer Botschaft leider in mancher Beziehung zu wünschen übrig läßt und den russischen, englischen und französischen Missionsgebäuden in Berlin in jeder Hinsicht bedeutend nachsteht; dadurch daß diese alle – wie sogar die von der italienischen Botschaft gemieteten Räume – electrisches Licht haben, kann das k.u.k. Gebäude einen Vergleich mit den genannten Palais noch weniger aufnehmen und es ist ein dringendes Bedürfnis, es wenigstens in Beziehung auf die Beleuchtung des Missionen Rußlands. Englands, Frankreichs  und Italiens gleichzuhalten, während es jetzt sich mit denen Spaniens, der Türkei und Nord-Amerikas auf derselben Stufe befindet.“

Trotz dieser für die k.u.k. Diplomatie wenig schmeichelhaften Vergleiche mit den anderen europäischen Mächten wurde Szögenyi angewiesen, dass „die Realisierung dieses Projektes ... einem späteren Zeitpunkte vorbehalten bleiben muß.“ Der war 1898 gekommen, als die Residenz an das Stromnetz angeschlossen wurde – die Kanzleiräume am Kronprinzenufer wurden erst 1916 von Auer-Licht auf elektrisches Licht umgestellt.

Es war – abgesehen von der Einführung von Schreibmaschinen und Telefon im k.u.k. Auswärtigen Dienste – möglicherweise die letzte technische Neuerung, die im Botschaftspalais an der Moltkestraße eingeführt wurde. Szögyenyi-Marich dürfte technischen Neuerungen gegenüber nicht allzu aufgeschlossen gewesen sein, wenn man seinem damaligen Mitarbeiter und späteren Nachfolger Gottfried Prinz Hohenlohe-Schillingsfürst glauben darf. Der schrieb nämlich an seinen Chef aus St. Petersburger Zeiten und späteren Außenminister Graf Berchtold: Die Nervosität Szőgyénys vor seiner Abreise nach Harzburg war entsetzlich; wenn jemand eigentlich hätte nervös sein sollen, so wäre es eigentlich ich gewesen, der jetzt in seinem Namen telegrafieren muss, was ich hasse. Ich tue alles mit Vergnügen wenn ich es auf meine Verantwortung tue, aber ‚Szőgyény’ zu unterschreiben ist mir langweilig. Also ich hätte eher Grund nervös zu sein! So hatte ich aber den rasend aufgeregten Zigeunerbaron noch zu beruhigen und um ihn zu trösten, sagte ich: ‚Aber Excellenz können ganz ruhig sein, wir werden alles machen und schließlich wenn etwas besonders los ist, kann ich Ihnen ja sogar telefonieren, denn sicher geht ein Telephon nach Harzburg’, worauf er mir sagt, ‚Telegraphieren Sie so viel Sie wollen aber nur nicht télephonieren, denn dos konn ich nicht,’ und auf mein verblüfftes Gesicht wiederholte er ‚ich konn dos nicht und bin wirklich schon zu olt um sowos zu lernen.’ Es war mir neu, dass auch das Telephonieren eine Kunst sei, die erlernt und gepflegt sein müsse."

Als am 1.1.1900 in Österreich-Ungarn die Kronen-Währung eingeführt wurde (2 Kronen entsprachen einem alten Gulden) wurde das Gehalt aller Beamten neu bemessen – und offenbar nach oben aufgerundet. Szögyeny bezog ab 1900 ein Gehalt von 20.000 K, eine Funktionszulage von 106.201 K 90 h als Botschafter und weiter 9500 K als Gesandter bei den großherzoglichen Höfen, d.h. 135.701 K oder umgerechnet rund 600.000 € - netto, da eine Einkommenssteuer damals nicht bestand. In diesen Ziffern war bereits eine „Münzbemessungsdifferenz“ von 20.621 bzw. 1100 K inbegriffen – heute würde man dazu Kaufkraftausgleichszulage sagen.

In Würdigung seiner Verdienste wurde Botschafter von Szögyenyi-Marich von Kaiser Franz Josef am 17. April 1910 in den erblichen Grafenstand erhoben, ein außerordentlicher und seltener Beweis des Vertrauens des Kaisers, die zuvor nur dem k.u.k. Botschafter in Konstantinopel zuteil worden war.. In der „Österreichischen Illustrierten Zeitung“ vom 24. April 1910 findet unter „Ereignis der Woche“ folgende Meldung: „Einem populären und angesehenen Diplomaten wurde eine Allerhöchste Auszeichnung von seltenem Gehalte zuteil. Ladislaus von Szögyenyi-Marich, der Botschafter Österreich-Ungarns am Berliner Hofe, wurde in den erblichen Grafenstand erhoben. Mit dieser Auszeichnung erhält nicht nur ein streng-patriotisches treues Wirken eine kaum erhoffte Anerkennung, sondern wird auch der Schwerpunkt der auswärtigen Politik Österreich-Ungarns genau fixiert. Graf Szögyenyi-Marich steht in der besonderen Gunst des Berliner Hofes, der ihm die ‚persona gratissima-Stellung’ stets aufs Neue bekräftigt. Kaiser Wilhelm II war auch sehr oft Gast des österreichisch-ungarischen Botschafters und die Empfänge am Geburtstage und zu den anderen Festtagen unseres geliebten Monarchen haben im Heime des Grafen Szögyenyi-Marich durch die Anwesenheit des verbündeten Monarchen stets eine besondere Weihe erhalten. Die Rangerhöhung des deutschen Botschafters bedeutet daher nicht nur eine verdiente Würdigung seiner diplomatischen Tätigkeit, sondern auch eine feierliche Versicherung der Wertschätzung und Wichtigkeit, die der Berliner Mission in hiesigen autoritativen Kreisen zuerkannt werden...“


Ansicht des Palais Ratibor
Marie Gräfin Trauttmansdorff, deren Gatte Karl Graf zu Trauttmansdorff-Weinsberg von Dezember 1905 bis Mai 1911 Legationsrat an der Berliner Botschaft war, erinnert sich in ihren Aufzeichnungen an Szögenyi: "Wir fühlten uns bald heimisch in der Hauptstadt des Deutschen Reiches und wurden auch freundlich aufgenommen, vor allem von unserem Botschafter und Gemahlin Graf und Gräfin Szögenyi-Marich und deren Töchter; der alte Herr, ein liebenswürdiger Ungar alten Stils, ein Original, aber geistreich und ausgezeichneter Diplomat. Er und seine Gattin, ein geb. Baronin Geramb, die leider stocktaub war, hielten für die Botschaftsmitglieder ein offenes Haus; es war ein patriarchalisches Milieu, das uns geboten war, welches man immer gerne aufsuchte. Zum Tee empfing die Botschafterin täglich; dieser spielte sich neben dem Schreibtisch Seiner Excellenz recht gemütlich ab. Er conferierte zwischendurch mit seinen Herren und ließ sich durch die Damenbesuche absolut nicht stören. Auch fand man gar nichts dabei, von einer Schar kläffender Dackeln empfangen zu werden, die einen zuweilen auch in die Beine zwickten. Szögenyis waren allgemein beliebt, durch ihre lange Anwesenheit in Berlin - es mögen damals schon 15 Jahre gewesen sein - hat man sich an ihre Eigentümlichkeiten gewöhnt."

1914 wurde die Ablöse des damals immerhin 73 Jahre alten Grafen Szögyenyi in die Wege geleitet. Am 13. Juni 1914 wurde Szögyenyi angewiesen, das Agrément für seinen Nachfolger Gottfried Prinz Hohenlohe-Schillingsfürst einzuholen, was am 15. Juni geschah. Am 18. Juni war Szögyenyi bei Reichskanzler Bethmann-Hollweg der ihm versicherte „daß die überraschende Nachricht meines Scheidens von dem hiesigen Posten Höchstihn – Kaiser Wilhelm II mit größtem Bedauern erfüllt habe.“ Sein Nachfolger war ursprünglich Offizier, der 1907 in den diplomatischen Dienst übernommen worden war; er hatte im selben Jahr die Erzherzogin Marie Henriette geheiratet, und war 1907/1908 Botschaftsrat in Berlin gewesen; danach war er in Disponibilität.

Am 27. Juni 1914 kam Graf Szögyenyi in einem Schreiben an den k.u.k. Minister des Äußern, Graf Berchtold, um seine Enthebung von dem Posten in Berlin ein. „53 Jahre sind nunmehr vergangen, seit ich in den öffentlichen Dienst eingetreten bin, und 22 Jahre habe ich Seine Majestät unseren Allergnädigsten Herrn am hiesigen Hofe vertreten.“  Er konnte wohl nicht ahnen, dass am Ballhausplatz einige Beamte im Kabinett Berchtolds schon damit beschäftigt waren, das Telegramm mit der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien zu redigieren, das Berchtold am 28. Juli 1914 an das königlich serbische Außenministerium nach „Belgrad éventuellement Kragujevac éventuellement Nisch“ depeschieren ließ.

Am 1. August 1914 unterbreitete der k.u.k. Minister des k.u.k. Hauses und des Äußern, Leopold Graf Berchtold dem Kaiser den „Vortrag betreffend den Botschafterwechsel in Berlin“. „E.M. außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter in Berlin Ladislaus Graf Szögyenyi – Marich ist um Enthebung von seinem Posten und Übernahme in den dauernden Ruhestand eingeschritten.... Da die amtliche Laufbahn des Grafen Szögyenyi eine mehrjährige Unterbrechung aufweist und demnach normalerweise für die Bemessung der Pension nur 32 Dienstjahre in Betracht kämen, erlaube ich mir weiters, im Einvernehmen mit dem gemeinsamen Finanzministerium, den Antrag auf gnadenweise Anrechnung der von ihm im ungarischen Komitats-, bzw. Gerichtsdienst zugebrachten achtjährigen Dienstzeit zu stellen, wonach ihm die volle Pension jährlicher 20.000 K zukäme.“

Der Kaiser genehmigte den Antrag am 4. August 1914, Graf Szögyenyi wurde mit 40 Dienstjahren – mehr waren zur Erreichung einer Pension von 100% des letzten Aktivgehaltes nicht möglich – und umgerechnet circa 70.000 € Pension in den Ruhestand versetzt, und erhielt das Großkreuz des St. Stephansordens mit Brillanten; die andere Möglichkeit der Auszeichnung von k.u.k. Botschaftern, die den Kaiser und König über 20 Jahre an einem Posten als Botschafter vertreten hatten schied aus – in den Grafenstand war Szögyenyi-Marich  schon 1910 erhoben worden.

Jetzt musste Graf Szögyenyi noch sein Abberufungsschreiben Kaiser Willhelm überreichen – in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 keine leichte Aufgabe, da Kaiser Wilhelm beabsichtigte in das Hauptquartier an der Westfront abzureisen. Am 14. August trafen die Recreditive durch Generalstabsstafette schließlich in Berlin ein, und am 16. August wurde Szögyenyi vom Kaiser Wilhelm II zur Abschiedsaudienz empfangen.

Kaiser Wilhelm II richtete am selben Tage folgendes Handschreiben an seinen Verbündeten in Wien:
Durchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser und König, besonders freundlich vielgeliebter Herr Vetter, Bruder und Freund,
Eure K.u.K. Majestät wissen, wie gut Graf Szögyenyi verstanden hat, sich Mein volles Vertrauen und Meine Anerkennung zu erwerben und wie hoch ich seine ausgezeichneten persönlichen Eigenschaften und seine Verdienste um die Pflege der deutschen und österreichisch-ungarischen Bundesfreundschaft bewerte. Umso lebhafter bedauere Ich,  ihn jetzt aus seinem hiesigen erfolgreichen Wirkungskreise scheiden zu sehen....“

Im Laufe seiner über 50 Jahre im öffentlichen Dienst war Graf Szögyenyi vielfach ausgezeichnet worden. 1875 wurde er königlich ungarischer Kämmerer, 1883 Geheimer Rat, 1886 erhielt er das Ritterkreuz des Ordens der Eisernen Krone 1. Klasse, 1890 wurde er Mitglied der Magnatentafel des ungarischen Reichstags, 1896 mit dem Großkreuz des Leopoldordens ausgezeichnet, 1900 Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ. 1910 erhielt er die ungarische Grafenwürde und das erbliche Recht eines Magnatenmitglieds; er war dirigierendes Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften. Darüber hinaus besaß er Orden vieler deutscher Staaten.

Sein Nachfolger Gottfried Prinz Hohenlohe - Schillingsfürst traf am 19. August 1914 ein und bezog das Haus in der Moltkestraße 3, das vor 1889 seinem Onkel, dem Herzog von Ratibor, gehört hatte. Für seine Gattin war die Ernennung mit dem Verzicht auf die Anrede „Kaiserliche Hoheit“ verbunden. Der frühere deutsche Reichskanzler Fürst von Bülow beschreibt Hohenlohe-Schillingsfürst in seinen „Denkwürdigkeiten“ als einen „jener österreichischen Aristokraten, die durch Leichtsinn und Unfähigkeit viel zum Sturz des habsburgischen Reiches beigetragen haben.“ Bülow war auf den k.u.k. Botschafter schlecht zu sprechen – angeblich hatte dieser 1917 bei Kaiser Wilhelm II gegen die Rückkehr Bülows als Reichskanzler opponiert.

Graf Szögyenyi verstarb am 11. Juni 1916 auf seinem kleinen, rund 20 ha großen Gut Csor/Fejermegye, in Ungarn. Seiner Witwe Irma Gräfin Szögyenyi wurde eine Pension von 6000 K auf Dauer des Witwenstandes gewährt (durch kriegsbedingte Inflation nur mehr umgerechnet 6000 €), wohl etwas wenig, da sie sich am 6. Juli 1916 mit einem Majestätsgesuch an den Kaiser und König wandte: „Mein armer Mann hat während seiner langjährigen Abwesenheit vom Vaterlande der Verwaltung seines Vermögens und seines Grundbesitzes nicht jene Sorgfalt zuzuwenden vermocht, die dieselbe erheischt hätten.“ Kaiser Franz Josef hatte seinem längst dienenden Botschafter in Berlin, der dort auch erhebliche eigene Mittel zu Rum und Ehre seines Kaisers ausgegeben hatte, ein gutes Andenken bewahrt und gewährte der Witwe eine zusätzliche Gnadenpension von 2000 K jährlich „zu ihrer normalmäßigen Witwenpension...“ Damit endet der Personalakt Szögyenyis im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv.

Dr. Rudolf Agstner
 
 
 
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