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Spaziergang durch Preussen 2. Teil

 
  Souveränität

Heute sind alle souverän. Selbst alle unsere Entscheidungen sind es. Die Souveränität eines Staates ist ein anderes Ding. „Souveräne Staaten heißen diejenigen, welche namentlich in Hinsicht auf Verwaltung und äußere Verhältnisse von keinem anderen Staate abhängig sind“ (Brockhaus 1847) – durch den Besitz des fernen und reichsunabhängigen Herzogtums Preussen und durch die Königsberger Selbstkrönung Friedrichs 1701 zum ersten König in Preussen. Durch die Souveränität war der erste Schritt zur Selbstbestimmung des Teilstaates des Heiligen Römischen Reiches über sich selbst getan. Die Selbstbestimmung hatte das Ziel, die inneren und äußeren Verhältnisse neu zu bestimmen und den Staat vernünftig zu ordnen. Die preussische Souveränität war ein wichtiger Schritt im Leben der europäischen Staaten.


Pickelhaube


Aus Leder mit Metallbeschlägen geformter Helm, der 1842 in der preussischen Armee neu eingeführt wurde und nach Namen und Form auf die hochmittelalterliche Beckenhaube zurückgriff. Charakteristisch war die stumpfe Spitze, die den Helm bekrönte. Der Entwurfskunst des kunstsinnigen preussischen Königs Friedrich Wilhelm IV. verdankt der Helm seine vollendete Form, die sich in der Folge von Schweden bis Chile verbreitete und in Fortentwicklung deutsche Soldaten bis zum Ersten Weltkrieg beschützt hielt. Eine Metapher für die Inbesitznahme durch Preussen war „unter die Pickelhaube kommen“.


Karl Friedrich Schinkel (1781-1841)


Am meisten bewunderter und am häufigsten zum Vorbild genommener preussischer Künstler, der als Zeichner, Entwerfer, Maler, Architekt für Palast- und Zweckbauten in jedem Fach Bestes leistete. Schinkels Werk macht darauf aufmerksam, dass Kunst nicht in Wertstufen zwischen freier und angewandter Kunst, reiner Architektur und Kunstgewerbe teilbar ist. Schinkel war ein Produkt preussischer Kunstförderung und erfuhr in Berlin bei Gilly eine profunde Architekturausbildung, erhielt Reisestipendien nach Italien und Frankreich und von 1910 an die Möglichkeit, zu planen und zu bauen. In seinem Bestreben, vollkommene Schönheit mit äußerster Zweckmäßigkeit zu verbinden, entwickelte er im Kontext des internationalen Klassizismus seinen eigenen Stil, der sich durch komplizierte, aber klare Raumgefüge und bestechende Präzision in der Komposition auszeichnete. Das Bühnenbild für die „Zauberflöte“, die Neue Wache, das Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt, die Werdersche Kirche, Schloss Glienicke und Charlottenhof in Potsdam, der Pavillon in Charlottenburg, das Schlafzimmer für Königin Luise gehören zu seinen Werken.


Stadtschloss


Das Stadtschloss in Berlin war für Preussen Zentrum des Landes. Die Residenz war Sitz der legislativen und exekutiven Gewalt im Staat, die vom Herrscher ausging. Der Ausbau wurde nach Plänen Schlüters vorangetrieben, als Friedrich I. König wurde und die kurfürstlichen Raumfolgen der Staatsrepräsentation nicht mehr genügten. Es gibt Handlungsmuster, für die unserer Sprache Begriffe fehlen. Sie werden deshalb unverbunden gesehen und können nicht verstanden werden. Dazu gehört das Schleifen der Hauptbauten, der Baudenkmale und Monumente, aus denen der politische Gegner seine Legitimation und seine kulturelle Identität herleitet. „Bildersturm“ oder „Ikonoklasmus“ bezieht sich allein auf die Feindschaft gegen Gottes- oder Menschenbilder. Während im Westen nur das Braunschweiger Schloss nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt wurde, zog die Führung der DDR die Bauten und Denkmale aus Zeiten des Feudalismus für die Untaten des Nationalsozialismus zur Rechenschaft heran. Die DDR wollte das Erbe Preussens nicht antreten und zerstörte mit Dynamit 1950 das durch Bomben und Brand beschädigte Stadtschloss. Gleichzeitig wurde das Reiterstandbild Friedrichs II. demontiert und in einem Schuppen eingelagert. 1960 folgte der Abriss des Potsdamer Stadtschlosses, und 1968 fand die Sprengung der Ruine der Potsdamer Garnisonkirche statt. In Kulturstaaten werden durch Krieg und Barbarei vernichtete und aus politischen Gründen geschleifte Gebäude wieder errichtet. So das Warschauer Stadtschloss oder das Denkmal Heinrichs IV. auf der Pont-Neuf in Paris.


Der letzte Preusse


Metapher für das Prinzip der Pflichterfüllung, der Selbstdisziplin und persönlichen Opferbereitschaft. Wahrscheinlich in Anknüpfung an das Buch „The Last of the Mohicans. A Narrative of 1757“ von James Fenimore Cooper. Dies steht unter dem Motto: “Mein Ohr ist offen und mein Herz bereit. Nur weltlichen Verlust, nicht Schlimmres kannst du melden. Sage, ist mein Reich verloren?“ Nach zuverlässigen Berichten bezeichneten sich Franz Josef Strauß und Marlene Dietrich als letzte Preussen.


Kadavergehorsam


Begriff, den die deutschen Sozialdemokraten prägten, um sich gegen den im Militär üblichen unbedingten Gehorsam zu verwahren. Wurde 1871 verwendet, als militärische Kommandostrukturen Bereiche der zivilen Verwaltung im Reich zu prägen drohten; geht zurück auf den Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola, der forderte, dass seine Ordensbrüder wie Soldaten zu gehorchen hätten, „perinde ac si cadaver essent“ – bis dass sie Leichen wären. Dies steht im Einklang mit Friedrichs II. kolportiertem Ruf „Hunde, wollt ihr ewig leben?“, den er zurückweichenden Soldaten in der Schlacht von Kolin 1757 entgegenrief.


Berlin


War die zweitgrößte Stadt Preussens, anfangs kleiner als Königsberg. Der Rang einer königlichen Residenzstadt verschaffte der im 13. Jahrhundert gegründeten Stadt eine rasche Erweiterung und intensiven Ausbau. 1709 kommen die neu gegründeten Städte Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zu Berlin und Kölln dazu. Damit wird die polyzentrische Grundstruktur der Stadt festgelegt. Die Könige sorgten für den ständigen Zuzug von Siedlern, Handwerkern und Unternehmern. Der Wille zu Berlin ist älter als Berlin. 1810 brachte die Gründung der Universität unter Fichte als ersten Rektor der Stadt den Beinamen „Spree-Athen“ ein. Der Bebauungsplan von 1862 integrierte neue Außenbezirke und schuf gewaltige Ringstraßen, so dass Berlin den neuen Rang als Reichshauptstadt seit 1871 gut verkraftete. Bald war die Millionengrenze überschritten und 1910 die zweite Million erreicht. Die stadtplanerischen Vorgaben des 19. Jahrhunderts machten es möglich, dass Berlin wiederum zur Hauptstadt wurde.


Preussich- oder Berliner Blau


Eine der ersten industriell hergestellten synthetischen Farben für Zwecke der Textilproduktion, Papierfärbung, Metallanstriche und Kunst. So alt wie Preussen. 1704 vom Berliner Chemiker Diesbach durch das Versetzen einer Ferrosulfatlösung mit gelbem Blutlaugensalz bei 80 Grad Celsius und anschließendem Oxydieren entdeckt. Die preiswerte und lichtbeständige Farbe verdrängte andere Blautöne wie das pflanzliche Indigo oder das kostbare mineralische Ultramarin. Preussischblau wurde zum Blau schlechthin.


Deutschland. Ein Wintermärchen


Ich bin in diesem langweiligen Nest
Ein Stündchen herumgeschlendert.
Sah wieder preussisches Militär,
Hat sich nicht sehr verändert. (…)
Noch immer das hölzern pedantische Volk
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.
Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt.
Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
Sie tragen sie jetzt im Innern.

(Heinrich Heine, 1843)


Hugenotten


Wegen ihres Glaubens aus Frankreich vertriebene Protestanten. Nach 1685 wanderten 200 000 Hugenotten aus Frankreich aus, um ihre Glaubensfreiheit zu wahren. In Deutschland fanden die gebildeten und beruflich hoch befähigten französischen Flüchtlinge vor allem Aufnahme in den Ländern der Hohenzollern, welche ihre Ansiedlung förderten und ihre Ansässigmachung ermöglichten. Große Gruppen fanden eine neue Heimat in Berlin, Potsdam, Oranienburg, Rheinsberg, Stendal und Frankfurt an der Oder sowie in Ansbach und Bayreuth. Der menschenfreundliche Gedanke der Toleranz verband sich mit der Gründung von Manufakturen und Industrien, welche die 20 000 Hugenotten in Preussen vorantrieben. Strumpfwirker, Lehrer, Kunstgärtner, Tabakpflanzer, Finanzleute, Kaufleute erhielten Privilegien, die den Ausländern zum Unmut der ansässigen Bürger die Niederlassung ermöglichten. Das rasch und gut vorbereitete Einwanderungsgesetz des brandenburgischen Kurfürsten war eine Grundlage der preussischen Toleranz, die mit wirtschaftlichen Vorteilen einherging.


Schwarz-Weiß


Die Farben des Hauses Hohenzollern. Dieses Fürstengeschlecht, das aus Schwaben stammte, wurde um 1200 mit der Burggrafschaft Nürnberg belehnt und erwarb umfangreiche Ländereien in Franken. Der fränkischen Linie wurde 1415 die Kurwürde von Brandenburg übertragen. Die Farben Schwarz und Weiß prägen bis heute das Preussenbild.


Staat


Abgöttisch verehrte Herrschaftsordnung Preussens. Die Könige Preussens verstanden sich selbst als erste Diener des Staates und stellten jeden einzelnen Untertan in seinen Dienst. Der Wert eines Untertanen bemaß sich nach dem Nutzen für den Staat. An Preussens Universitäten entwickelten Fichte und Hegel eine Staatsideologie, welche die strikte Unterordnung der Individuen forderte. Auch in der Entwicklung vom Obrigkeitsstaat zum Volksstaat blieb der Grundgedanke erhalten, dass der Staat alles ist, der Einzelne nichts. Die Zwecke des starken Staates – wie die Gewährleistung einer stabilen Ordnung, Rechtsfrieden, Eigentumssicherheit, Selbstbehauptung nach außen – setzte Preussen rigoros durch und nahm dafür in Kauf, dass nach innen der Freiheit und Selbstbestimmung Grenzen gesetzt wurden. Preussen setzte auf den universalen Staat, dem der Staatsuntertan bedingungslos zu dienen hatte. Die preussische Auffassung sah einen wesentlichen Zweck des Staates in der Kultur, die durch staatlich geförderte Bildung und Erziehung dem allgemeinen Wohl diente. Der „Kulturstaat“ ist ein preussischer Gedanke im Rahmen des „totalen Staates“. Übertreibung und Missbrauch der Staatsidee führten zu dem im Leben der Völker seltenen Ereignis des Staatsuntergangs.


Ende


Preussen überdauerte den Frieden von Versailles als größtes Land des Reiches. Es büßte aber seine Vormachtstellung gegenüber den anderen Ländern der Weimarer Republik ein. Die Personalunion von Reichskanzler und preussischem Ministerpräsidenten wurde damals aufgehoben. Die Reichsverfassung von 1920 schrieb Preussen die Rolle eines demokratischen Freistaats zu. Es regierte der sozialdemokratische Ministerpräsident Braun in wechselnder Koalition mit Demokraten und der Zentrumspartei. Der Staatsstreich Papens 1932 und die Machtergreifung 1933 durch die Nationalsozialisten beendete die Hoheitsrechte Preussens. Letzter Ministerpräsident war von 1933 bis 1945 Göring. 1945 wurde Preussens Wiederentstehen durch die alliierten Sieger unterbunden und das Ende Preussens mit dem Kontrollratsbeschluss von 1947 formell bestätigt.


Prof. Dr. Hans Ottomeyer
 
 
 
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