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Fortsetzung: Prinz Louis Ferdinand von Preussen und die Freiheit

 
  Als sich 1805 das Ende der preußischen Neutralität abzuzeichnen begann, sah sich Louis Ferdinand am Ziel seiner politischen Bestrebungen, zusammen mit den Generälen Blücher und Rüchel sollte er die preußische Vorhut anführen. An Rahel Levin schrieb er damals etwas pathetisch: „Ein Wort gaben wir uns alle; ein feierliches, männliches Wort, und gewiss soll es gehalten werden – bestimmt das Leben daran zu setzen, und diesen Kampfe, wo Ruhm und Ehre uns erwartet, oder politische Freiheit, liberale Idee auf lange erstickt und vernichtet werden.“ Es ist interessant, welche Ideale der Prinz hier nennt, für die er diesen Krieg führen möchte: politische Freiheit und liberale Idee. Für Louis Ferdinand stand fest: „Wenn Preußen sich den Frieden von Bonaparte aufzwingen lässt, so ist es aus, wir verlieren den Rest von Ansehen, den wir noch besaßen, und der Rest Deutschlands wird Bonaparte zu Füßen liegen, wie Württemberg, Bayern und Baden.“ Dass die deutschen Klein- und Mittelmächte Preußen den Rücken kehrten, konnte der Prinz sogar gut nachvollziehen, verließen diese doch nur „die Partei einer Macht, deren Allianz weder Vorteil noch Sicherheit bietet, die zu bedeutenden Ausgaben nötigt, ohne dass irgendeine Ehre, ein Vorteil daraus entsteht, und deren schwankender und unsicherer Gang den Feinden keine Furcht und den Freunden kein Vertrauen einflößen kann, während Bonaparte seine Verbündeten zu beschützen und zu bereichern weiß.“

Es war diese Überzeugung, die Louis Ferdinand auch dann noch für den Krieg votieren ließ, nachdem Österreich und Frankreich Frieden geschlossen hatten und Preußen weitgehend allein stand, einzig mit der Hoffnung, Russland und England noch für diesen Krieg gewinnen zu können. Napoleon, so Louis Ferdinand, werde nicht eher aufgeben, ehe Preußens letzte Stunde nach seinem Willen geschlagen habe, und dann „werden die Tränen und die Klagen jener erbärmlichen und feigen Prediger des Friedens, den sie nur im Gefühl ihrer Mittelmäßigkeit wünschen, die Monarchie Friedrichs des Großen nicht retten.“

Das klingt martialisch und könnte den Vorwurf nähren, Louis Ferdinand sei ein Kriegstreiber gewesen. Doch der Prinz wollte keinen Krieg um des Krieges willen, sondern weil er, um es noch einmal zu wiederholen, die Freiheit seines Landes und Europas bedroht sah. Er sah sich darin wieder einmal einig mit der Königin Luise: Je mehr Nachgiebigkeit man gegenüber Napoleon zeige, „umso mehr spottet er derer, die so dumm sind“. Der französische Kaiser sah das selbst übrigens ebenso. In einer Notiz für seinen Außenminister Talleyrand sagte er damals über Preußen: „Sein Kabinett ist dermaßen verächtlich, sein Souverän so schwach, dass man auf diese Macht gar nicht zählen kann… Der Gedanke, Preußen könne sich allein mit mir einlassen, erscheint mir so lächerlich, dass er gar nicht in Betracht gezogen zu werden verdient.“

Genau aus diesem Grund unterzeichnete Prinz Louis Ferdinand, neben anderen Generälen und Politikern (darunter dem Freiherrn vom Stein), eine Denkschrift, in der die Unterzeichner nichts weniger als den Sturz der preußischen Kabinettsregierung verlangten, der sie nicht zutrauten, ein Bündnis mit Russland und England zustande zu bringen und entschlossen Widerstand zu leisten. In dieser Denkschrift fassten die Unterzeichner noch einmal zusammen, was sie den Kardinalfehler der preußischen Politik in dieser Zeit hielten: Die Friedensliebe des Königs, so ehrenwert diese auch sein mochte, hatte nur dazu geführt, dass der Aggressor nicht Halt machte und sich in seiner Aggression bestätigt sah. Friedrich Wilhelm III. musste 1806 gestehen, dass Louis Ferdinand recht gehabt hatte: „Mehr als ein König ist untergegangen, weil er den Krieg liebte; ich, ich werde untergehen, weil ich den Frieden liebte.“

Es ist in dieser Denkschrift als Fernziel auch die „Freiheit und Glückseligkeit des gemeinschaftlichen Vaterlandes“ formuliert, also der Wunsch nach einer wie auch immer gestalteten deutschen Einigung. Doch sind dies eher Steins Gedanken als jene Louis Ferdinands, dessen Vaterland Preußen war und blieb.

Die Argumente Louis Ferdinands, von Steins und anderer Reformkräfte – dass man vor Aggressionen den Kopf nicht in den Sand stecken darf, sind aus meiner Sicht zeitlos und heute noch ebenso gültig wie vor 200 Jahren. Und das müssen beileibe nicht nur zwischenstaatliche Aggressionen sein, auf die dieses Argument nach wie vor zutrifft. Wer vor Aggressivität, welcher Art sie auch sei, zurückschreckt, sei es nur aus Angst oder gut gemeinter Friedensliebe, der bestärkt nur den Aggressor. Prinz Louis Ferdinand, der Freiherr vom Stein und auch die Königin Luise haben uns also auch heute noch etwas zu sagen.

Trotz aller Bemühungen stand Preußen im Herbst 1806 allein gegen Napoleon. Es war auch nicht mehr die sieggewohnte preußische Armee Friedrichs des Großen, die Napoleon aufhalten wollte, sondern eine verunsicherte Armee, mit einer Staatsführung, die sich im falschesten Moment für den Krieg entschieden hatte – nämlich als keine Unterstützung von außen zu erwarten war und nachdem zuvor viel günstigere Gelegenheiten versäumt worden waren. Prinz Louis Ferdinand hat die Auseinandersetzung gleichwohl herbeigesehnt. Als die Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt ihn am Abend vor der Schlacht bat, sich nicht in einem Avantgardegefecht „so zu exponieren, dass Sie in wichtigen Momenten nicht helfen könnten“, da wies er diese Bitte zurück. Und so ist es denn auch gekommen. Als am 10. Oktober 1806 bei Saalfeld die preußische Vorhut auf die Truppen des französischen Marschalls Lannes traf, wurde der Prinz im dichten Schlachtengetümmel von einem französischen Unteroffizier getötet. Wenige Tage später ging die preußische Armee in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt zugrunde – und mit ihr der gesamte Staat, der sich auf Gedeih und Verderb Napoleon ausgeliefert sah. Theodor Fontane hat später darüber geschrieben: „Prinz Louis war gefallen, und Preußen fiel ihm – nach.“

Mit einer Ehrung des Prinzen tat sich das offizielle Preußen zunächst schwer. Zwar hatte Napoleon in einem offiziellen Bulletin mitgeteilt, dass der „Prinz Louis von Preußen als ein tapferer und rechtschaffener Soldat“ gestorben sei. Doch war er, aus seiner Sicht zu Recht, davon überzeugt, dass Louis Ferdinand eine der treibenden Kräfte dieses Krieges gewesen war. Ihn zu ehren, war für das am Boden liegende Preußen daher schwerlich möglich. Ganz abgesehen davon, dass König Friedrich Wilhelm III. persönlich nicht besonders gut auf Louis Ferdinand zu sprechen gewesen war – zu deutlich hatte dieser zuvor Kritik an ihm geübt.

So wurde der Sarg des Prinzen Louis Ferdinand erst im März 1811 von Saalfeld zunächst nach Schloss Bellevue und dann hierher in die Gruft des Berliner Doms überführt. Inzwischen hatte auch der König seinen Groll gegen den Prinzen überwunden. Als er erfuhr, dass eine Beisetzung in aller Stille geplant war, weil seine Minister nach wie vor Empfindlichkeiten Napoleons fürchteten, ordnete er an, dass die Kinder des Prinzen den Sarg im Dom empfangen und dass wenigstens ein Teil der Berliner Garnison, alle Personen des Hofes und die Minister dem Sarg folgen sollten. Einschränkend muss allerdings hinzugefügt werden, dass die Überführung des Sarges von Bellevue in den Dom um Mitternacht stattfand, die Bevölkerung wohl nur wenig davon mitbekommen hat.

Im Zeichen der Befreiungskriege – ein Wort, das Louis Ferdinand gut gefallen hätte – wurde der tollkühne Prinz endgültig zum strahlenden Helden. Wobei manches Pathos auch über das Ziel hinausschoss. Prinz Louis Ferdinands Ziel war es, Preußens Freiheit und damit auch den Thron seiner Familie zu retten. Dafür hat er sein Leben gegeben.

Es wäre aber falsch Prinz Louis Ferdinand, auf das rein Militärische zu verengen. Da ist natürlich die Musik zu nennen. Auch hier war der Prinz einer, der neuen Ideen aufgeschlossen war, als einer der Ersten in Mittel- und Norddeutschland Beethoven zu würdigen verstand. Und seine eigenen Kompositionen atmeten ebenfalls diesen neuen Geist. Erwähnt sei an dieser Stelle auch die Freundschaft des Prinzen mit Rahel Levin, in deren Salon er regelmäßig verkehrte.

Was den Prinzen aber ganz allgemein ausgezeichnet hat, das war ein Leben ohne Scheuklappen und ohne Vorurteile. Konservativ oder progressiv, das wären für ihn keine Kriterien gewesen. Insofern hätte es ihn wahrscheinlich auch gefreut, dass sein Enkel, der Schriftsteller Ernst von Wildenbruch, die Aufstellung eines Denkmals für Heinrich Heine mit den folgenden Worten befürwortete: „Ich bin ein Deutscher von stark ausgeprägtem Nationalgefühl. Mein Nationalgefühl ist aber nicht ein solches, dass es bei der rechten Hosennaht anfängt um bei der linken zu enden, es ist auch kein Kultus, kein Weihrauchschwingen vor einem Altar, auf dem Germania in altgermanischer oder mittelalterlicher Tracht paradiert, es ist Liebe.“

Ich habe meinen Vortrag mit einem Widerstandskämpfer gegen Adolf Hitler begonnen, und ich möchte mit einem anderen enden: Peter Graf Yorck von Wartenburg. Dieser war ein Ur-Ur-Enkel des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, ein Nachfahre Luise Rahels von Wildenbruch, die ihrerseits eine Enkelin des Prinzen war. Peter Graf Yorck von Wartenburg war einer der Mitbegründer des Kreisauer Kreises, der sich auf hohem intellektuellem Niveau Gedanken über ein anderes, ein neues Deutschland nach Hitler gemacht hat. Auch Peter Graf Yorck von Wartenburg wollte den Kopf nicht in den Sand stecken. Obwohl tiefgläubiger Christ, war er von der Notwendigkeit des Tyrannenmords überzeugt. Auch vor dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz Roland Freislers hat er seine Überzeugung mutig verteidigt. Am 8. August 1944 wurde er in Berlin-Plötzensee gehängt. Auch auf diesen Nachfahren wäre Prinz Louis Ferdinand von Preußen stolz gewesen.

Uwe A. Oster
 
 
 
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