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Prinz Louis Ferdinand von Preussen und die Freiheit

 
 
Uwe A. Oster, geboren 1964 in Hechingen, studierte Geschichte und Germanistik an der Universität Tübingen. Nach dem Volontariat bei der "Hohenzollerischen Zeitung" in Hechingen und der "Südwestpresse" in Ulm wurde er 1993 Redakteur des Geschichtsmagazins "Damals", zu dessen stellvertretenden Chefredakteur er 1997 aufstieg.
Neben dem 2003 erschienenen Buch über Prinz Louis Ferdinand von Preussen mit dem Titel "Der preussische Apoll" ist er Autor zahlreicher Publikationen wie "Wilhelmine von Bayreuth. Das Leben der Schwester Friedrichs des Großen" (2005) und "Burgen in Deutschland" (2006).
Den Vortrag mit dem Titel "Prinz Louis Ferdinand von Preussen und die Freiheit" hielt Uwe A. Oster am 10. Oktober 2006 bei der Gedenkfeier anläßlich des 200. Todestages des Prinzen in der Hohenzollerngruft im Dom zu Berlin.



„Vom wahren Preußentum ist der Begriff der Freiheit niemals zu trennen. Wahres Preußentum heißt Synthese zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Stolz auf das Eigene und Verständnis für Anderes. Nur in der Synthese liegt die Aufgabe des Preußentums, liegt der preußische Traum.“ Dieses Zitat stammt nicht von Prinz Louis Ferdinand, sondern von Henning von Tresckow, einem der entschiedensten Widerstandskämpfer gegen das Unrechtsregime Adolf Hitlers. Aber dieses Zitat hätte durchaus von Prinz Louis Ferdinand stammen können, jedenfalls hätte er sich jedes Wort darin ohne Umschweife zu Eigen gemacht.

Zum einen die Bindung, der Stolz auf das Eigene, wie Tresckow es ausgedrückt hat. Obwohl Louis Ferdinand unter der Zurücksetzung durch König Friedrich Wilhelm III. gelitten hat, obwohl er selbst sich viel mehr zugetraut hätte, als eine Garnison in Magdeburg zu kommandieren, stand für ihn die Loyalität zu Preußen niemals in Frage. Und auch wenn er keinen Dünkel kannte, mit Adligen wie mit Bürgerlichen, mit Christen wie mit Juden gleichermaßen Umgang hatte, dann war er sich doch stets bewusst, Prinz von Preußen zu sein und damit in der langen Tradition seiner Familie zu stehen. Diese Bindung war das eine – doch unverzichtbar war für Louis Ferdinand die Freiheit. Sowohl in seinem privaten Leben, als auch in seinem politischen.

Die Freiheit im Privaten, das bedeutete für ihn: Er ließ sich von niemandem vorschreiben, mit wem er seine Zeit verbrachte und wie. Wie Politisches mit Privatem sich vermischen konnte, zeigte sich, als der Prinz im Winter 1799/1800 in Hamburg weilte. Er war dorthin förmlich geflohen vor der Langeweile des Garnisonsdienstes, doch galt sein Aufenthalt in der Stadt an der Elbe keineswegs nur dem Vergnügen. Er traf sich dort mit Menschen, bei deren bloßer Erwähnung seinem Vater Prinz Ferdinand, dem jüngsten Bruder Friedrichs des Großen, Schauer über den Rücken gelaufen sein dürften. „Jakobiner“, so berichtete man ihm, habe Louis Ferdinand in Hamburg getroffen, Menschen, die die Revolution in Frankreich wenigstens anfangs unterstützt oder mit ihr geliebäugelt hatten. Nun, ganz so schlimm war es nun auch wieder nicht. Aber Paul Bailleu, einer der ersten Biographen des Prinzen, ein Hugenotte, schrieb schon 1885, Prinz Louis Ferdinand habe sich in Hamburg gleichermaßen mit Aristokraten und Demokraten getroffen. Er habe, so Bailleu, seinen Stolz daran gesetzt, sich „über die Vorurteile der Zeit zu erheben“.

Nun war Prinz Louis Ferdinand sicher kein Republikaner. Hier kommt wieder jene „Bindung“ zum Tragen, die für ihn ebenso wichtig war wie die Freiheit. Aber der Prinz war sich der Defizite des preußischen Staatswesens durchaus bewusst. Er hatte einen wachen Sinn für Ungerechtigkeit, und wenn er sah, dass es Menschen nicht gut ging, dann entschloss er sich, ohne viel Federlesens zu helfen. Dieser Charakterzug hat sich bei Louis Ferdinand schon als Kind ausgeprägt. Ein Beispiel mag dies illustrieren. Als er erfuhr, dass seine Kinderfrau nicht mehr gebraucht wurde, nachdem er einen Hauslehrer bekommen hatte, rang der kleine Prinz seiner Mutter das Versprechen ab, auch künftig für diese zu sorgen. „Und wenn das nicht ausreicht“, versprach er ihr, „so komm nur des Abends und klopfe an mein Fenster. Da will ich dir immer mein Taschengeld hinausreichen“. Diese Zuneigung zu den „einfachen Menschen“ zieht sich durch das ganze Leben Louis Ferdinands wie ein roter Faden.

Louis Ferdinand wurde zwar auch als Erwachsener kein Revolutionär, und letztlich stellte er auch die monarchische Gesellschaftsordnung niemals in Frage, doch im alltäglichen Leben bedeuteten ihm Standesschranken wenig. Und er reagierte schlagfertig und mit Witz, wenn andere darauf beharrten: Bei einem Wien-Besuch war Prinz Louis Ferdinand 1804 zusammen mit Ludwig van Beethoven bei einer alten Gräfin eingeladen. Als es nach der Soiree zu Tisch ging, sah Beethoven, dass er an einem Nebentisch Platz nehmen sollte, am Tisch des Prinzen hatte die Gräfin nur hohe Adlige vorgesehen. Der berühmte, überdies noch republikanisch gesinnte Komponist hatte keineswegs vor, am Katzentisch zu sitzen, sagte einige Derbheiten und ging. Es ist bezeichnend, wie Louis Ferdinand darauf reagiert hat. Wenige Tage später gab er in Wien selbst eine Einladung und bot Beethoven einen Platz an seiner Seite. Und die alte Gräfin setzte er auf die andere.

Im Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich 1792 bis 1795 zeichnete sich Prinz Louis Ferdinand durch eine Reihe von ungestümen, ja tollkühnen Aktionen aus. Diese waren militärisch gar nicht immer sinnvoll, und König Friedrich Wilhelm II. bat seinen Cousin inständig, sich nicht derart zu exponieren. Aber für die jungen Soldaten und Offiziere war Louis Ferdinand seither das verehrte Vorbild, den politischen Beobachtern galt er als Ausnahme in einer Armee, die auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen eingeschlafen war. Der Prinz machte damals die Bekanntschaft mit einem Mann, der bald zu einem der wichtigen politischen Wegbegleiter für ihn werden sollte: der Freiherr vom Stein. Auch der spätere Reformer des preußischen Staates erkannte die Qualitäten dieses jungen Prinzen: Prinz Louis Ferdinand sei der einzige unter den „hohen Häuptern“ gewesen, der „Enthusiasmus für das Gute zeigte… Alle Übrigen… schleppten ihre zentnerschwere Langeweile herum und predigten entweder eine alles ertötende, niederdrückende Philosophie oder ergossen sich in bittere Klagen“.

Wenn sich Louis Ferdinand zum größten und energischsten Gegner Napoleons in Preußen entwickelte, dann nicht in erster Linie, weil er sich vor den gesellschaftlichen Reformen der Revolution fürchtete. Im Gegenteil: Karl August Varnhagen von Ense berichtet, dass Louis Ferdinand nach dem Ausbruch der Revolution zunächst keineswegs besondere Zuneigung zu den geflohenen französischen Adligen hatte, die er in Spa und Aachen traf, sondern „ihre feindlichen Landsleute, die siegenden Freiheitskämpfer, weit höher stellte“. Wenn sich der Prinz später so vehement gegen Napoleon stellte, dann einzig deshalb, weil dieser im Begriff war, die Freiheit seines Landes, Preußens, zu bedrohen. Und aus der Sicht Louis Ferdinands nicht nur Preußens, sondern ganz Europas. Der französische Kaiser, so merkte er einmal spöttisch an, könne „nicht sechs Wochen leben…, ohne Könige und Prinzen abzusetzen – oder zu machen“. Er lehnte den französischen Kaiser ab, weil dieser die freiheitliche und selbständige Entwicklung des Einzelnen durch die gleichförmige Unterwerfung Aller unter der Herrschaft eines einzigen ersetzte. Dass er sich überhaupt vom Ersten Konsul der Republik zum Kaiser gekrönt hatte, war für den Prinzen ein letztes Zeichen dafür gewesen, dass es ihm mehr um seine eigene Macht als um eine Fortführung der Revolution gegangen ist. Prinz Louis Ferdinand hat in dieser Zeit damit begonnen, seinen Briefen ein kleines Siegel aufzustempeln – mit dem Satz: „Vive la liberté“ – Es lebe die Freiheit! Es ist bezeichnend für ihn, dass er damit im Kampf gegen das revolutionäre Frankreich ausgerechnet eine Losung der Revolution aufgegriffen hat.

Ganz sicher hat Louis Ferdinand in Frankreich denn auch nicht den „Erbfeind“ gesehen, wie dies die nationale Geschichtsschreibung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mitunter suggeriert. Es gibt keine einzige abfällige Bemerkung des Prinzen über Frankreich. Der Krieg gegen das revolutionäre Land war für ihn keine nationale Frage, sondern es ging für ihn in diesem Kampf um die Freiheit seines eigenen Landes. Prinz Louis Ferdinand war ja selbst geprägt von französischer Lebensart, sprach und schrieb natürlich fließend französisch, in der Tradition seines Großvaters, Friedrichs des Großen. Und den Tod vor Augen, auf dem Schlachtfeld von Saalfeld, wandte er sich zu seinem Adjutanten und sagte – auf Französisch: „Est-il possible?“ – Ist das möglich?

Auch auf französischer Seite war das Bild des Prinzen keineswegs durchgängig negativ. Als 1797 Pläne aktuell wurden, das zuvor unter den Großmächten aufgeteilte Königreich Polen wieder zu errichten, da war es der französische Gesandte in Berlin, der sich für Louis Ferdinand stark machte: Dieser sei „ein junger Mann, der sich für die polnische Nation ausgesprochen zu haben scheint, er ist beseelt von glühendem Ungestüm und Tapferkeit, voller Geist und Freimut, leutselig und freigebig, wohl gebaut und von schöner Gestalt.“ Tatsächlich hat der Freiheitswille der Polen dem Prinzen imponiert, doch leider verliefen diese Pläne alsbald im Sand.

Die preußische Neutralität im Krieg gegen Frankreich nach dem Basler Frieden von 1795 hat Louis Ferdinand stets scharf kritisiert. Er war sich darin einig mit der legendären Königin Luise, die damals an ihren Vater schrieb, dass man doch nicht immer nur gleichgültig mit ansehen könne, was im Rest Europas vor sich ging. Ein Gedanke, den Louis Ferdinand teilte. Wer immer nur abseits stehe in den großen Krisen der Zeit, der verliere nicht nur den Respekt seiner Gegner, sondern bald auch jenen seiner Nachbarn und potenziellen Verbündeten. Ein Gedanke, der durchaus auch in unsere Tage passt: Die damalige preußische Politik steckte den Kopf in den Sand und hoffte, dass alles irgendwie gut gehen würde. Louis Ferdinand und seine Mitstreiter waren dagegen der Überzeugung, dass „Abseitsstehen“ nur denjenigen stärken würde, der die Freiheit bedrohte – und das war aus der Sicht des Prinzen damals das revolutionäre Frankreich. Neutralität um jeden Preis lud nach der Meinung Louis Ferdinands nur dazu ein, ausgenützt zu werden. In einem Brief an den Generaladjutanten des Königs zitierte der Prinz ein altes lateinisches Sprichwort, das seine Auffassung widerspiegelte: „Si vis pacem para bellum“ – Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. Stattdessen habe man in Preußen „ohne wirklichen Willen, ohne irgendeinen Entschluss… viel Geld ausgegeben, Zeit verloren, die Provinzen belastet, ohne zu wissen, was wir wollen“. Oder um es mit einem modernen Vergleich zu sagen: Man hatte versucht, ein Problem auszusitzen, statt es entschlossen anzugehen.
 
 
 
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Joseph A. Grassi: Prinz Louis Ferdinand von Preussen; Eigentum des Hauses Hohenzollern