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Ladislaus Graf Szögyenyi-Marich, Botschafter Österreich-Ungarns im kaiserlichen Berlin

 
 
Dr. Rudolf Agstner, geb. 1951 in Den Haag, Schulbesuch in Bad Godesberg und Wien; Dr. iur. Universität Wien 1975, Diplomatische Akademie Wien 1975-1977, Auswärtiger Dienst Österrreichs 1977, Verwendungen an den Botschaften Paris, Brüssel, Tripolis, New York (UN-Mission), Kairo. Derzeit Referatsleiter "Afrika südlich der Sahara" im österreichischen Außenministerium.  Autor von 11 Büchern und rund 100 Artikeln über den Auswärtigen Dienst von Österreich (-Ungarn) und dessen diplomatische und konsularische Vertretungsbehörden, Lehrbeauftragter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. 

Ladislaus von Szögyenyi-Marich von Magyar-Szögyen und Szolgaegyhaza wurde am 12. November 1841 in Wien geboren. Er begann seine Laufbahn 1861 als Vizenotär des Weißenburger Komitats (Szekesfehervar). 1863 war er Praktikant bei der königlichen Tafel in Budapest, 1865 Stuhlrichter im Weißenburger Komitat, und 1867 Obernotar im Weißenburger Komitat. Von 1869 bis 1882 war Szögyenyi - Marich Abgeordneter im ungarischen Reichstag.
Palais Ratibor, Moltkestrasse 3, k.u.k. Botschaft in Berlin (1889-1919)
Palais Ratibor, Moltkestrasse 3, k.u.k. Botschaft in Berlin (1889-1919)
Seine diplomatische Karriere – er war gewissermaßen ein politischer Quereinsteiger - begann 1882, als er zum Zweiten Sektionschef im k.u.k. Ministerium des kaiserlichen Hauses und des Äußern ernannt wurde. Nach der von Außenminister Graf Kalnoky im selben Jahr erlassenen Geschäftseinteilung bestand das Ministerium aus 2 Sektionen, erst 1913 kam eine dritte hinzu. Die Zweite Sektion bestand aus 10 Departements, und umfasste Kaiserhaus, Protokoll, Wirtschaft, Konsularwesen und Verwaltung. Schon 1883 wurde Szögyeny Erster Sektionschef; er war für die politischen Agenden zuständig war, seine Sektion I umfasste vier Referate (1-Deutschland, 2 Russland, Orient, 3 Frankreich, Großbritannien, Italien, div. andere europäische Staaten, 4 – alle anderen; heute besteht die Politische Sektion aus 10 Abteilungen mit 15 Referaten).

1890 wurde Szögyenyi zum königlich ungarischen Minister am Allerhöchsten Hoflager ernannt; er amtierte in der ehemaligen ungarischen Hofkanzlei (ungarische Botschaft in Wien I, Bankgasse 4).

Durch Allerhöchste Entschließung vom 24. Oktober 1892 ernannte der damals in Gödöllö bei Budapest weilende Kaiser und König Franz Josef Szögyenyi zum k.u.k. Botschafter am kaiserlich deutschen und königlich preußischen Hofe, weiters zum Gesandten bei den großherzoglichen Höfen von Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg und Braunschweig. Österreich-Ungarn war seit 22. Dezember 1871 am kaiserlich deutschen Hofe durch einen Botschafter vertreten – interessanterweise immer durch ungarische Grafen. Der erste war Alois Graf Karolyi von Nagy-Karolyi, dem Emmerich Graf Széchenyi von Sarvar-Felsövidek folgte.

Szögyenyis Gehalt belief sich auf jährlich 8400 Gulden, dazu kam eine Funktionszulage von 43.400 Gulden, sowie weitere 4200 Gulden für die Tätigkeit als Gesandter bei den erwähnten Höfen, somit zusammen  auf 56.000 Gulden oder umgerechnet in heutige Kaufkraft rund 500.000 €. Interessant ist, dass der Botschafter für seine Tätigkeit als Gesandter bei den Senaten der freien und Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck – hiezu wurde Szögyenyi durch Allerhöchste Entschließung vom 5. März 1893 ernannt - kein Gehalt bezog. Dazu kam ein Einrichtungs- und Übersiedlungspauschale von 10.000 Gulden, also weitere 90.000 €.

Szögyenyi überreichte Kaiser Wilhelm II am 12. November 1892  sein Beglaubigungsschreiben. Er vertrat in Berlin einen Vielvölkerstaat, der insgesamt 683.000 km2 umfasste und 44 Millionen Einwohnern hatte (Deutsches Reich: 540.000 km2, 50 Mio. Einwohner). Szögyenyi traf unter günstigen Auspizien in Berlin ein. Er war der erste k.u.k. Botschafter, der sich um die Unterbringung der Botschaft keine Gedanken machen musste nachdem Österreich-Ungarn im April 1889 das „Palais Ratibor“ in der Moltkestraße 3 gekauft hatte. Auf der Rückseite des Palais war am Kronprinzenufer 14 1890/91 das Kanzleigebäude erbaut worden. Die Botschaft Österreich-Ungarns – bis 1918 nach Russland der zweitgrößte Staat Europas – war vergleichsweise klein und bestand damals neben dem Botschafter aus 2 Legationsräten, 1 Legationssekretär, 1 Kanzleirat, und 1 Militärbevollmächtigten.

1893 gewann Botschafter Szögenyi "aus dem Dienstgange der hiesigen Botschaftskanzlei die Überzeugung ... daß das gegenwärtig hier zugeteilte diplomatische Personale für die Anforderungen des Dienstes nicht zahlreich genug ist ... Die Kanzleibeamten sind vollauf mit Registrieren und Archivieren, sowie mit dem Empfange der Parteien und den Kopierarbeiten in Anspruch genommen. Ihre Arbeitszeit dauert mit geringer Unterbrechung in der Regel von 10-5 Uhr. Die diplomatischen Beamten sind mit ... dem Parteienempfange, der insbesondere in Militärangelegenheiten hier sehr umfangreich und zeitnehmend ist, gleichfalls vollauf beschäftigt, wozu noch die Kopierung der politischen und reservierten Korrespondenzen sowie der Chiffrierdienst kommen ... Es bleiben sonach eigentlich für den normalen Kanzleidienst und die Telefonarbeiten nur zwei Beamte zur Verfügung. Da nun die Beamten auch sociellen Verpflichtungen nachzukommen haben, was in dem gesellschaftlichen sehr entwickelten Berlin viel Zeit in Anspruch nimmt, und da den Beamten ein Urlaub mit der Zeit auch wird zugestanden werden müssen, so glaube ich in der Tat unseren heutigen Status hier als nicht zureichend bezeichnen zu sollen. Es fehlt namentlich ein jüngerer Beamter, der zu Abschriften politischer Konzepte, zum Chiffrieren und zur Vornahme alltäglicher Kanzleisachen als bereits geschult, verläßlich gebraucht werden kann..."

Leider war nicht nur der Personalstand, sondern auch das Botschaftsgebäude nicht allzu groß. Der letzte k.u.k. Minister des Äußern, Ludwig Freiherr von Flotow erinnert sich an seine Zeit als Attaché in Berlin: „Die österreichisch-ungarische Botschaft befand sich in der Moltkestraße gegenüber dem Gebäude des Großen Generalstabes. Ein einstöckiges Familienhaus mit Mansarde, das mit seinen vier Fenstern in der Front zwischen hohe Zinshäuser eingezwängt war. Es entwickelte sich nach rückwärts in ziemlicher Tiefe und bildete dann eine Ecke mit dem am Kronprinzenufer Nr. 14 gelegenen Kanzleigebäude, von dem sich ein kleiner Vorgarten, schartenartig, zwischen den Feuermauern der beiden Nebenhäuser bis an die Straße vorschob... Im ersten Stock befanden sich die Kanzleiräume. Die Wohnung im zweiten Stock war dem jeweiligen, unverheirateten Botschaftsrat zugedacht... Das Appartement des Botschafters war düster. Durch ein stockfinsteres Vorzimmer trat man in eine Art Bibliothek, neben der sich ein zweifenstriges Schreibzimmer befand, in welchem nicht nur er, sondern die ganze Familie sich den größten Teil des Tages aufhielt.. Der erste Stock, zu dem eine hübsche Freitreppe führte, enthielt die Empfangsräume, die aber nur bei besonderen Festlichkeiten in Verwendung kamen. Der Rote Salon...  war vollbehangen mit modernen Gemälden, die Kaiser Franz Josef zur Unterstützung strebsamer Künstler hatte ankaufen lassen und die der Botschafter sich vom Ärar ausgeliehen hatte...“

 
 
 
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