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Preussens Wirtschaft und Gesellschaft im Mittelalter (ca. 1250-1525)

 
  Gesellschaft und Wirtschaft des spätmittelalterlichen Preussen entsprachen in ihren Grundzügen denjenigen der Nachbarländer im Süden und Westen, wiesen aber auch wichtige Eigenheiten auf. Wie alle damaligen west- und mitteleuropäischen Sozialordnungen war auch die preußische ständisch strukturiert. Das bedeutet, dass sich die Gesellschaft in hierarchisch abgestufte Großgruppen – sogenannte Stände – gliederte, für deren Angehörige jeweils unterschiedliche Privilegien, Rechte und Pflichten galten.

Der zahlenmäßig mit Abstand größte und gleichzeitig hierarchisch am tiefsten stehende Stand war derjenige der Bauern, der wiederum in zwei Untergruppen zerfiel: in die nach Kulmer und die nach prußischem Recht lebenden Bauern. Die meisten kulmischen Bauern – „Kölmer“, wie sie genannt wurden – waren entweder im 13. und 14. Jahrhundert aus dem Westen, meist aus Deutschland, zugewandert oder stammten von Zuwanderern ab. Eine der ersten so gebildeten Siedlungen war die Stadt Kulm. Die Rechte und Pflichten, die für deren Bewohnern galten, hatte man in einer Handfeste genannten Urkunde zusammengefasst, die bei der Ansiedlung späterer Zuwanderer als Muster diente. Kölmer hatten der Herrschaft pro Jahr eine gewisse Geldsumme zu erlegen, Naturalien zu liefern und bestimmte Dienstleistungen zu erbringen, die in der Regel in vier bis sechs Tagen abgeleistet werden konnten. Ihre Situation unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen bäuerlicher Neusiedler im slawisch-deutschen Durchdringungsgebiet, das im Laufe des Hochmittelalters in Ostmitteleuropa entstand.

Die Nachfahren der prussischen Ureinwohner Preussens lebten meist nach prussischem Recht. Auch sie waren dazu verpflichtet, der Landesherrschaft bestimmte Leistungen zu erbringen, doch spielten bei ihnen Naturalabgaben eine wichtigere Rolle als bei den Kölmern, während monetäre Abgaben geringere Bedeutung hatten. Grund für diese unterschiedliche Behandlung war wohl, dass Zuzügler sich meist in der Nähe von Städten niederließen, wo ein Markt bestand, auf dem man Agrargüter verkaufen konnte. Kölmer verfügten daher über Geld und konnten Geldabgaben leisten. Die Prussen lebten hingegen in abgelegeneren Teilen des Landes und unterhielten weniger Marktkontakte; sie lieferten ihrer Herrschaft daher statt Geld Getreide, Federvieh u.ä. Der Wert der von prußischen Bauern geleisteten Naturalabgaben entsprach etwa demjenigen der Geldabgaben der Kölmer, wenn man die Preise des frühen 15. Jahrhunderts zugrunde legt. Beide bäuerlichen Stände unterlagen damit einer ähnlichen Belastung durch die Herrschaft.

Ein grundherrschaftlicher Adelsstand war im spätmittelalterlichen Preussen erst in der Entstehung begriffen – darin unterschied sich das Ordensland von seinen Nachbarn im Westen und Süden. Einige wenige westdeutsche Adlige hatten sich in Preussen angesiedelt, und in den Landesteilen westlich der Weichsel gab es einen einheimischen pomerellischen Adel. Wichtiger für die Entstehung des preußischen Adels war aber der Umstand, dass viele Neusiedlerdörfer von sogenannten Lokatoren angelegt worden waren, d.h. von Agenten, die im Auftrag der Landesherrschaft im Westen Bauern angeworben und nach Preussen geführt hatten. Die Bauern erhielten Güter von festgelegter Größe, der Lokator dagegen in der Regel zehn Prozent des Dorfbodens. War er erfolgreich, warb er viele Bauern an und gründete ein großes Dorf, so verfügte er gegenüber den Bauern von vornherein über eine herausgehobene Stellung. Er konnte dem Dorfgericht vorsitzen, das Schulzenamt und damit die Verantwortung für die Erbringung der Leistungen durch die Dörfler übernehmen, und er oder seine Nachkommen hatten die Chance, mit Erfolg adelsgleichen Rang zu beanspruchen. Die meisten der später berühmten Adelsgeschlechter gelangten allerdings nicht auf diesem Wege nach Preussen, sondern erst später. Während des Dreizehnjährigen Kriegs (1454-1466) warb der Deutsche Orden Söldner an, doch fehlten ihm die Mittel, deren Führer nach dem Friedensschluss in der vereinbarten Weise zu entlohnen. Stattdessen erhielten die Hauptleute Land. Sie wurden Grundherren der Bauern, die ihre Güter bewirtschafteten, und erwarben die für Grundherren typischen Vorrechte: Die Bauern schuldeten ihnen Abgaben in Geld und Naturalien sowie Dienstleistungen; die neuen Herren übernahmen Gerichte und Polizei.

Größter Grundherr in Preussen war allerdings nach wie vor dem Dreizehnjährigen Krieg die Landesherrschaft, deren Zusammensetzung die augenfälligste Besonderheit des Ordenslandes darstellte. Alle umliegenden Länder waren Fürstentümer, sei es das Herzogtum Pommern, das Königreich Polen oder das Großfürstentum Litauen, das mit diesem seit den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts in Personalunion verbunden war. Preussen hingegen hatte einen kollektiven Landesherrn: Der Deutsche Orden herrschte nicht nur in Person seines Hochmeisters, sondern in seiner Gesamtheit. Als geistlicher Ritterorden verpflichtete er seine Mitglieder neben dem Heidenkampf – einer Aufgabe, die seit Ende des 14. Jahrhunderts im Ostseeraum mangels Heiden nicht mehr erfüllbar war – zu Armut, Keuschheit und Gehorsam und machte in Verwaltung und Herrschaftsausübung weiten Gebrauch von der Schriftlichkeit. Gerade dieser Umstand und die Gehorsamspflicht der Ordensangehörigen bewirkten eine im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Herrschaftsgebilden relativ hohe Effizienz, die in der Verwaltung der Ordensgüter und in der Führung eigener Handelsagenturen – der Schäffereien – zum Ausdruck kam. Die Erträge dieser eigenen unternehmerischen Tätigkeit bildeten den Großteil der landesherrlichen Einkünfte, zu denen Steuern und Zölle erst seit dem späten 14. Jahrhundert ergänzend hinzutraten.

Mit seinen Schäffereien trat der Orden in Wettbewerb zu den Kaufleuten der sogenannten Hauptstädte des Landes, d.h. Thorns, Danzigs, Elbings, Braunsbergs und Kulms, die sich vorwiegend im Handel zwischen Polen-Litauen und dem westlichen Hansegebiet engagierten. Dieser Handel betraf Getreide und Waldwaren wie Holz, Honig und Asche sowie Bergbauprodukte wie Silber und Kupfer, die über die Weichsel nach Westen verschifft wurden. Im Gegenzug vertrieben die preußischen Kaufleute westliche Fertigwaren wie z.B. flandrisches Tuch, aber auch Erzeugnisse der Primärproduktion wie Salz aus Lüneburg oder Hering aus Schonen in Polen und dessen südlichen und östlichen Nachbarn. Preussen selbst exportierte ähnlich wie Polen-Litauen vor allem Produkte der Land- und Waldwirtschaft. Die Bewohner der meisten preussischen Städte waren allerdings allenfalls im lokalen Handel engagiert; sie waren Ackerbürger, kleine Kaufleute oder Handwerker und als solche wie überall im mittelalterlichen Europa in mehr oder weniger monopolistischen Gilden und Zünften organisiert. Es gibt Hinweise darauf, dass die dabei erzielten Nominaleinkommen erheblich und die Realeinkommen noch immer ein gutes Stück unter denjenigen lagen, die in weiter westlich gelegenen Ländern üblich waren. Grundsätzlich lebten die meisten preußischen Städter nach einer ähnlichen Form kulmischen Rechts wie die zugewanderten Bauern, doch konstituierten sie sich aufgrund der berufsspezifischen Rechte und Pflichten, die die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Handwerker- oder Kaufleutegenossenschaften mit sich brachte, in vielfältig abgestuften Berufsständen. In Kleidung und Verhalten drückte sich diese Zugehörigkeit auch öffentlichkeitswirksam aus.

PD Dr. Oliver Volckart

 

Weiterführende Literatur:

- Burleigh, Michael (1984): Prussian society and the German Order: An aristocratic corporation in crisis, c. 1410 - 1466, Cambridge (Cambridge University Press)

- Dralle, Lothar (1975): Der Staat des Deutschen Ordens in Preußen nach dem II. Thorner Frieden: Untersuchungen zur ökonomischen und ständepolitischen Geschichte Altpreußens zwischen 1466 und 1497, Wiesbaden (Steiner)

- Sarnowsky, Jürgen (1993): Die Wirtschaftsführung des Deutschen Ordens in Preußen (1382-1454), Köln u.a. (Böhlau)

- Volckart, Oliver (1996): Die Münzpolitik im Ordensland und Herzogtum Preußen von 1370 bis 1550, Wiesbaden (Harrassowitz)

- Wunder, Heide (1968): Siedlungs- und Bevölkerungsgeschichte der Komturei Christburg: 13. - 16. Jahrhundert, Wiesbaden (Harrassowitz).
 
 
 
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