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ABC für 'lange Kerls'

 
 
Dr. Jürgen Kloosterhuis, Direktor des Geheimen Staatsarchivs Preussischer Kulturbesitz, veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur (brandenburg-) preußischen Militärgeschichte vor allem des 18. Jahrhunderts. Zu seinen Arbeiten gehören u.a. die 1992 erschienene Quellenedition „Bauern, Bürger und Soldaten. Quellen zur Sozialisation des Militärs im preußischen Westfalen, 1713-1803“.

Anwerbung:
Die Art und Weise, wie sich das Königsregiment seine schön und groß geschaffenen Rekruten besorgte, wurde im zeitgenössischen Militärjargon unisono als „Werbung“ bezeichnet. Allerdings muss die „Werbung“ qualitativ und quantitativ präziser differenziert werden. In Preußen selbst ging die Anfangsphase willkürlicher Aushebungen (etwa ab 1714/15 bis 1718) allmählich in die geregelten Rekrutierungsformen im Rahmen des Kantonsystems über. Ein solcher geographisch fest umrissener Ersatzbezirk hat auch dem Königsregiment zur Verfügung gestanden. Weiterhin bezog es eine andauernde Rekrutenzufuhr aus den sogenannten „Revueübernahmen“, da Friedrich Wilhelm I. am Ende seiner jährlichen Truppenbesichtigungen in allen Landesteilen die von den dortigen Regimentern angeworbenen „langen Kerls“ nach Potsdam übernahm. Bei solchen „Revueübernahmen“ konnte es sich um Männer handeln, die aus Preußen stammten oder im Ausland angeworben waren; so, wie die Offiziere des Königsregiments nebst einer Handvoll bestimmter Rekrutierungsspezialisten anderer Truppenteile ihrerseits für die Potsdamer Truppe groß gewachsene und schön anzusehende Männer im Reich oder europäischen Adel dienstverpflichteten. Diese „Werbung“ stellte in der Regel einen Überredungs-Akt dar. Unbestritten ging es dabei auch gewaltsam zu – doch aufs Ganze gesehen eher in Einzelfällen. Meist lief der Werbealltag weit weniger spektakulär, doch umso geschäftsmäßiger ab. Gestützt auf ein System von provisionsbezahlten „Anbringern“ oder auf eigenes Risiko wirtschafteten Werbekommissare wurden junge Männer in fremden Territorien einzeln oder verwandtschaftsweise den offiziellen Werbekommandos zugeführt, durch hohe Handgeldzahlungen zur Dienstnahme in Preußen bewogen, deren Familienmitglieder und Freunde zur günstigen Beeinflussung des Rekrutenaspiranten geschmiert, Leibherren für den Verlust an Arbeitskraft entschädigt und nicht zuletzt auch den jeweiligen Landesfürsten kostbare Geschenke gemacht, damit sie solche Untertanenausfuhr aus ihrem Machtbereich erlaubten. Die „Werbung“ und der anschließende Rekrutentransport ergaben ein ebenso lukratives, aufregendes wie risikoreiches Geschäft, an dem möglichst viele Zeitgenossen zu verdienen suchten.

Desertion:
Einseitige Beendigung des Militärdienstverhältnisses durch Flucht des Soldaten vom Regiment. Als widerrechtlicher Bruch des Fahneneides und der Kapitulation mit Todesstrafe am Galgen belegt, die gegebenenfalls nach Wiedereinfangen eines Deserteurs zur körperlichen Züchtigung durch Spießrutenlaufen abgeändert werden konnte. Im umgekehrten Verhältnis zu den tatsächlichen Desertionsquoten (ca. 3 bis 5 Prozent) standen aufwändige desertionsverhindernde Maßnahmen. Besonders gefürchtet war die Verabredung mehrerer Soldaten zur gemeinsamen Desertion; ein solches „Desertionskomplott“ wurde im Königsregiment z.B. 1730 aufgedeckt.

Grenadier:
Seit dem 18. Jahrhundert Bezeichnung für einen Infanteristen, der ursprünglich auch im Handgranatenwurf ausgebildet war und daher als Kopfbedeckung nicht den ausladenden Dreispitz, sonder eine hohe Grenadiermütze trug. Sie war zunächst ganz aus Stoff gebildet, und erhielt später ein Vorderschild aus Messingblech. Schon unter dem Soldatenkönig, und weiter in der friderizianischen Zeit bildeten die Grenadiere eine nicht unbedingt übergroß gewachsene, doch besonders zuverlässige und im Soldatenberuf erfahrene Elite unter den Fußsoldaten.

Kabinettminüten:
Chronologisch organisierte Sammlung von Abschriften aller jener Anweisungen, die tagtäglich vom König im Kabinett eigenhändig verfasst oder (meist) seinen Kabinettssekretären diktiert wurden. Pro Jahr ergingen etwa 6.000 ‚Kabinettsordres’, also monatlich etwa 500 und täglich etwa 16, von denen etwa jede 20. sich auf die Tätigkeit des Königs als Regimentschef des Königsregiments bezog. Mit der Sammlung der Kabinettsminüten wurde 1728 begonnen und bis zum Tod des Soldatenkönigs am 31. Mai 1740 22 Bände vollgeschrieben. Die Quellenmasse wurde bislang für die Belange des Königsregiments noch nie systematisch ausgewertet; ihre Edition ergibt erstmals ein authentisches Bild von der Anwerbung, der Regimentsverwaltung, der Militärdienstleistung und des Sozialmilieus der „langen Kerls“:

Kapitulation:
Bei der Anwerbung geschlossener und auf vier, sechs oder acht Jahre zeitlich befristeter privatrechtlicher Vertrag zwischen einem Regiments- bzw. Kompaniechef und einem Rekruten über dessen Dienstverpflichtung, sein Handgeld, seine Besoldung und seine Soldzulagen sowie sogar über seine Urlaubsansprüche. Die Kapitulation konnte gegebenenfalls zeitlich verlängert werden, wobei ihre finanziellen Regelungen neu ausgehandelt wurden („Kapitulationsauffrischung“). Gab ein Grenadier seine Kapitulation ab, ging er damit ein lebenslanges Dienstverhältnis ein. Die Kapitulationsabgabe indizierte also ein Berufssoldatentum, das meist im Zusammenhang der Begründung einer Soldatenfamilie, oder besonderen Gunstbeweisen des Königs stand (Immobilien- oder Geldgeschenke). Die von der Kapitulation bezeichneten differenzierten Dienstverhältnisse konturieren das Königsregiment jenseits der militärischen Hierarchien: in bereits wohlhabende und zuverlässige „Berufssoldaten“ (etwa 30 Prozent), in geldansparende, mehr oder weniger dienstwillige „Zeitsoldaten“ (etwa 60 Prozent), und einen Rest womöglich gewaltsam dienstverpflichteter, weder durch reiche Handgelder noch üppige Soldzulagen begünstigter, gelegentlich krimineller oder auch am harten Soldatendasein verzweifelnder „Zwangssoldaten“, die ihrem Los gegebenenfalls durch Desertion, Gewalttat oder Suizid zu entkommen suchten.

Körpergröße und –schönheit:
Zwei Vorbedingungen für die Anwerbung eines Rekruten für das Königsregiment. Die Körpergröße resultierte aus der Optimierung des Gebrauchs einer möglichst langläufigen Vorderladerfeuerwaffe nach der Formel große Männer = lange Armspannweiten x Dauerdrill = schnelle und weittragende Chargierung; die Schönheit des Wuchses und der Gesichtszüge folgte ästhetischen Anschauungen, die sich auf Gesundheit und Diensttauglichkeit bezogen. Die Königsgrenadiere sollten möglichst 6 (rheinländische) Fuß messen (ca. 1,88 m); tatsächlich dürfte ihr Gros zwischen 180 und 190, und nur einzelne Grenadiere bis zu 2 m und mehr gemessen haben. Gesicherte Angaben zu den Körpergrößen einrangierter Königsgrenadiere sind übrigens nur in seltenen Fällen (v. a. durch die Beschriftung von etwa einem halben Dutzend Grenadierporträts) überliefert.

Kriegseinsatz:
Nach landläufiger Meinung hat das Königsregiment nie im Kriegseinsatz gestanden, so dass sein militärischer Wert schon von den Zeitgenossen angezweifelt wurde („Potsdamer Wachtparade“). Abgesehen davon, dass Teile des Regiments (sein II. und III. Bataillon) 1715 vor Stralsund und auf Rügen gegen die Schweden gekämpft hatte, machte sein auf acht Kompanien verstärktes III. Bataillon 1733/34 zur Teilnahme am Rheinfeldzug mobil. Ebenso sollte das Königsregiment komplett (doch ohne seine übergroßen Königsgrenadiere) gegen Hannover 1729 bzw. zur Besetzung von Jülich-Berg 1738 ins Feld ziehen. Wenn sich Friedrich Wilhelm I. am Ende immer scheute, die Kampfkraft seiner Soldaten für eigene Zwecke tatsächlich in die Waagschale kriegerischer Auseinandersetzungen zu werfen, war dies ausschließlich auf die außenpolitischen Begrenzungen zurückzuführen, die ihm seine ureigensten religiösen Überzeugungen und im Übrigen die europäischen Großmächte setzten.
 
 
 
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