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Luise und Napoleon

 
 
Rudolf Eichstaedt, Begegnung der Königin Luise von Preussen mit Napoleon am 6.7.1807 in Tilsit, 1895
Nach der unentschiedenen Schlacht bei Preussisch-Eylau zwischen Frankreich und einem russisch-preussischen Heer im Februar 1807 versuchte Napoleon über Luise, König Friedrich Wilhelm III. zu einem Friedensschluss zu bewegen. Der Monarch lehnte ab und wurde in seiner Haltung durch den Besuch Zar Alexanders in Memel bestätigt. Die Niederlage der Russen bei Friedland am 14. Juni 1807 entschied jedoch den Ausgang des Krieges. Unter Missachtung des Bündnisses mit Preussen erbat Russland einen Waffenstillstand. Am 25. Juni trafen sich die Herrscher in Tilsit. Die Bedingungen Napoleons -  gewaltige Gebietabtretungen, Reduktion der Heeresstärke, französische Besatzung und Beitritt zur Kontinentalsperre - bedeuteten das Ende Preussens als Großmacht.

In dieser ausweglosen Situation wurde die Idee geboren, als letzten Trumpf gegen den Franzosenkaiser Luises Charme auszuspielen. Das Zusammentreffen mit Napoleon am 6. Juli 1807 in Tilsit war gewissermaßen der “politische Höhepunkt” in ihrem Leben. Er vollendete das schon zu Lebzeiten zur Legende verklärte Bild der jungen Monarchin, die, mit einem unentschlossenen zaudernden Mann verheiratet, als Frau den Mut aufbrachte, dem mächtigsten Mann Europas zu trotzen, dafür das Elend des Krieges kennenlernte und sich schließlich, selbst vertrieben, für ihr Land und ihr Volk “opferte”, indem sie einen Bittgang zu dem Mann antrat, den sie nur als “Ungeheuer” ansah. Die Unterredung blieb erfolglos, Luises Versuch, Napoleon gnädigere Bedingungen für Preussen abzuringen, war vergeblich. Der Abbau gegenseitig herrschender Vorurteile bei beiden war wohl das einzige Ergebnis des berühmten Tilsiter Treffens.

Die preussische Königsfamilie blieb vorerst in Memel, die Stimmung schwankte zwischen Resignation und Depression und steigerte sich schließlich zur Verzweiflung, als Napoleon die Kriegsschuld Preussens auf 154 Millionen Francs festsetzte, eine Summe, die der Staat nicht mehr aufbringen konnte. Man verpfändete die Kronjuwelen, kürzte die Beamten- und Offiziersgehälter um die Hälfte, die Königin verkaufte schließlich sogar ihren persönlichen Schmuck, um das Geld zu beschaffen.

Immer wieder dachte Friedrich Wilhelm an Abdankung. Eine ersehnte Rückkehr nach Berlin erlaubte  Napoleon nicht, die Königsfamilie durfte lediglich nach Königsberg umziehen, wo Luise am 1. Februar 1808 eine Tochter gleichen Namens zur Welt brachte, die später in die Niederlande verheiratet wurde. Politisch war sie weiterhin tätig und agierte als Unterstützung ihres entschlusslosen Mannes. Hellsichtig erkannte sie in einem Brief an ihren Vater im April 1808: “... Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat und in sich selbst als abgestorben zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns ...”

Anfang Oktober 1807 war der vom König entlassene Freiherr vom Stein als Nachfolger Hardenbergs zum  leitenden preussischen Minister mit weitreichenden Vollmachten zurückberufen worden. Mit der Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern, der Städteordnung und der Verwaltungsreformen begannen sofort seine berühmten Reformen, unterstützt vor allem von den Militärs um Gerhard von Scharnhorst. Im November 1808 erfolgte jedoch seine Entlassung auf Druck Frankreichs, da er einen Aufstand gegen Napoleon vorbereitete. Luise blieb gelassen, ihr Verhältnis zu dem Minister hatte sich ohnehin rapide verschlechtert, seit er ihr nachsichtiges Verhalten bei der Erziehung der Kinder, vor allem des Kronprinzen, kritisiert hatte.


Johann Gottfried Schadow, Die Apotheose der Königin Luise, 1811/12, Relief in der Dorfkirche zu Paretz
Im Januar 1809 weilte das Königspaar auf Einladung Alexanders I. am Hof von St. Petersburg. Während der König sich immer enger an den wankelmütigen Bündnispartner anschloss, sah Luise in dem Zaren nicht mehr die “ritterliche Lichtgestalt”, sondern den autokratischen Herrscher, der kühl und distanziert seine eigenen Machtpläne verfolgte. Ernüchtert aus Russland zurückgekehrt, gelang es ihr mit Hilfe des Geschichtsprofessors Johann Wilhelm Süvern und Wilhelm von Humboldts, der im Februar 1809 zu einer Art Bildungs- und Kulturminister ernannt wurde, entscheidende Schulreformen durchzusetzen. Am 4. Oktober wurde ihr letztes Kind Albrecht in Königsberg geboren, bevor im Dezember 1809 der preussische Hof  - auf Druck Napoleons - unter dem Jubel der Bevölkerung nach Berlin zurückkehrte, das teilweise von den französischen Besatzungstruppen geräumt war. Noch einmal entwickelte die Königin  rege politische Aktivitäten. Sie betrieb vor allem Hardenbergs Rückkehr und errang mit dessen Berufung zum preussischen Staatsminister im Mai 1810 den entscheidenden und für ihr Land zukunftsweisenden Erfolg. Das von Stein begonnene Reformwerk wurde durch ihn fortgesetzt.

Am 25. Juni reiste sie mit ihrer Familie an den väterlichen Hof nach Neustrelitz; drei Tage später folgte  ihr Friedrich Wilhelm auf das Sommerschloss Hohenzieritz. Dort erkrankte  die Königin am 30. Juni an einer Lungenentzündung, die, da sie nicht sehr ernst zu sein schien, den König nicht von einer Abreise nach Berlin zurückhielt.  Der Gesundheitszustand Luises verschlechterte sich jedoch, der behandelnde Arzt Heim diagnostizierte  “eine Art Abzess an der Lunge ... der nun aufgegangen sei.” Am 16. Juli bat die Gräfin Voss dringend um baldige Rückkehr des Königs, der mit dem Kronprinzen und dessen Bruder Wilhelm nach Hohenzieritz eilte. Am 19. Juli 1810 gegen 9.00 Uhr früh starb Königin Luise von Preussen in seinen Armen.

Nach Entwürfen Friedrich Wilhelms III. schuf Heinrich Genz unter Mitarbeit Karl Friedrich Schinkels ihr Mausoleum im Charlottenburger Schlossgarten. Die bekannte Grabstatue der Königin, ein Meisterwerk der Berliner Bildhauerkunst, fertigte Christian Daniel Rauch 1811 - 1814.

Ihr früher Tod mit 34 Jahren, ihre vielgerühmte Schönheit und Anmut sowie ihre Beliebtheit als fürsorgliche Landesmutter und ihr mutiges Auftreten als glühende Patriotin trugen zur umfangreichen Legendenbildung und einem Jahrzehnte anhaltenden “Luisenkult” bei.

Rudolf G. Scharmann

 
 
 
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