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Die Welt, 05. September 2003

 
 

Kultururlaub im Ländle: Hohenzollern-Schätze, Chagall-Kunst

Kleider machen Leute. Was macht wohl eine meterlange Schleppe aus einer Königin? Majestätisch und bildschön muss Königin Luise, Gemahlin Friedrich Wilhelms III. von Preußen, ausgesehen haben in dieser reich mit Silberfäden bestickten Robe samt Courschleppe, damals an jenem denkwürdigen Juli-Abend 1807, als sie in Tilsit Napoleon I. gegenüber stand und sich vergeblich um mildere Friedensbedingungen bemühte...

Die Vitrinen in der Schatzkammer von Burg Hohenzollern bei Hechingen bergen manches Exponat aus Schicksalsstunden des preußischen Herrscherhauses. Da ist der durchschossene Waffenrock Friedrichs des Großen zu sehen, samt jener Tabatière, die in der Schlacht bei Kunersdorf 1759 in seiner Brusttasche steckte und die feindliche Kugel auffing. Dort glänzt die preußische Königskrone, 1889 auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. angefertigt.

Eine halbe Autostunde entfernt in Starzach liegt Schloss Weitenburg, hoch über dem friedlichen Tal des oberen Neckar. Es ist seit 1720 im Besitz der Freiherren von Rassler. Die Familie teilt die weiträumige Vierflügelanlage aus Renaissance, Barock, Klassizismus und Historismus seit einem halben Jahrhundert mit zahlenden Gästen.

Die Schlosskapelle, der Ahnensaal, das Schlossrestaurant und die anheimelnd eingerichteten Zimmer - mal mit Himmelbett, mal mit antiken Kommoden und fast immer mit einer herrlichen Aussicht versehen - machen Weitenburg zu einem beliebten Hochzeitsschloss. Golfer finden eine 18-Loch-Anlage in der Talaue, Reiter Gastboxen für die Pferde. Aber auch die Kunstfreunde kommen nicht zu kurz: In Baden-Württemberg ist man nie weit von Ausstellungen oder Festspielen entfernt.

Seit fünf Jahren setzt das Land verstärkt auf die touristische Vermarktung seiner kulturellen Schätze. Mehr als 50 Prozent der Baden-Württemberg-Touristen, so ermittelten Experten, sehen Kultur als einen der wichtigsten Gründe an, ins Musterländle zu reisen. Ein jährlich erscheinender Buchungskatalog bündelt die Reisen zu Ausstellungen und Festspielen und macht die Auswahl nicht leicht.

Von Weitenburg beispielsweise empfiehlt sich der Ausflug nach Balingen, wo bis Ende September eine Keramik-Ausstellung mit Werken von Marc Chagall präsentiert wird. Die meisten Exponate stammen aus dem Chagall-Nachlass und werden erstmals nach 33 Jahren gezeigt. 95 Keramiken und 20 korrespondierende Gemälde bieten eine spannende Begegnung von flächigen und vollplastischen Darstellungen. Mit Nischenthemen französischer Künstler hat sich die Stadt am Fuß der Schwäbischen Alb in den vergangenen 20 Jahren einen Namen gemacht. Bis zu 200 000 Besucher pilgerten zu Ausstellungen. Derzeit runden eine Schau mit Tapisserie, Malerei und Keramik von Jean Lurçat in der Zehntscheuer sowie Skulpturen von Otmar Alt in der Fußgängerzone (beide bis 28. September) den Balinger Kultursommer ab.

Wenn solches auf dem Lande geboten wird, muss sich die Landeshauptstadt ins Zeug legen. Die Stuttgarter Staatsgalerie präsentiert noch bis 16. November die Ausstellung "Heiterkeit im Schatten", Werke des Barockmalers Gaspare Traversi, bevor am 11. Oktober eine opulente Impressionisten-Schau mit dem Titel "Renoir Gauguin Degas" die Pforten öffnet. Sie wird Gemälde der dänischen Sammlung Ordrupgaard zeigen, die während des Museumsneubaus bei Kopenhagen in Stuttgart eine Bleibe finden konnte.

Birgit Cremers


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