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ARTE Magazin - Heft 7, 2004, 01. Juli 2004

 
 

ARTE Interview mit Prinz Wilhelm Karl von Preussen

Das Gespräch führte Jörg Michael Henneberg, Historiker und Buchautor. Zuletzt erschien von ihm „Das Sanssouci Kaiser Wilhelms II. Der letzte Kaiser, das Achilleion und Korfu“, Isensee Verlag 2004.

ARTE:
"Königliche Hoheit" - werden Sie so noch auf der Straße angesprochen?


Prinz Wilhelm Karl:
Königliche Hoheit wäre bis 1918 mein offizieller Familientitel gewesen. Heute werde ich nur noch gelegentlich aus Höflichkeit so angesprochen. 

ARTE:
Wären Sie jetzt Kaiser, wenn die Monarchie in Deutschland weiter bestanden hätte?

Prinz Wilhelm Karl:
Nein, Kronprätendent wäre der 26-jährige [sic] Ururenkel Prinz Georg Friedrich von Preußen.

ARTE:
Als Sie 1922 geboren wurden, lebte Ihr Großvater bereits vier Jahre im Exil im Haus Doorn und in den Niederlanden. Haben Sie ihn oft dort besucht?

Prinz Wilhelm Karl:
Wir waren alljährlich zehn Tage in den Sommerferien dort. Meine Erinnerung reicht bis etwa 1927 zurück und endet bei einem Besuch, den ich ihm im Sommer 1940 als Fahnenjunker von Belgien aus machte. Wir liebten Doorn und unseren Großvater, der ganz selbstverständlicher Mittelpunkt dieser Ferientage war. Er hatte die große Gabe, jedem seiner Enkel das Gefühl zu geben, dass gerade der ihm besonders nahestand.

ARTE:
Wenn Sie Ihren Großvater mit drei Adjektiven charakterisieren sollten, welche wären das?

Prinz Wilhelm Karl:
Klug, gütig, eindrucksvoll.

ARTE:
Welche sind Ihre intensivsten Erinnerungen an den Großvater?

Prinz Wilhelm Karl:
Bei meinem letzten Besuch im Sommer 1940 als Fahnenjunker habe ich die eingehendsten Unterhaltungen mit meinem Großvater geführt. Dazu trug selbstverständlich auch die politische und militärische Lage jener Zeit nach den deutschen Siegen bei, die mein Großvater ganz klar einschätzte: Das Scheitern der Luftoffensive gegen England zeichnete sich aller Göringschen Großsprecherei zum Trotz bereits ab.

ARTE:
Wilhelm II. musste Deutschland 1918 verlassen und lebte bis zu seinem Tod in den Niederlanden. Wie ist er mit dem Leben im Exil umgegangen?

Prinz Wilhelm Karl:
Bescheiden, würdig und seinen Interessen lebend.

ARTE:
Wilhelm II. wollte nach dem Vorbild Friedrichs des Großen als Volkskaiser verstanden werden. Inwieweit hat er dies ihrer Meinung nach geschafft?

Prinz Wilhelm Karl:
Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg war er es. Seine Bemühungen galten auch der inneren Überwindung des Kulturkampfes*. Dem entsprach sein Engagement für die mit der stürmischen kapitalistischen Entwicklung verbundene Soziale Frage [sic].

ARTE:
Nach Ihrem Großvater wurde in Deutschland eine Epoche benannt, der Wilhelminismus. Wie schätzen Sie den kulturhistorischen Verdienst Wilhelsm II. ein?

Prinz Wilhelm Karl:
Hinsichtlich seines Geschmacks war mein Großvater ein Kind seiner Zeit. Da er sehr intelligent war und eine rasche Auffassungsgabe besaß, umfasste sein Interesse ein weites Spektrum: von der Archäologie bis zur modernen Wissenschaft und Technik. Dies kam auch dem Aufbau der Bildungs- und Forschungseinrichtungen zugute, der von ihm angestoßen wurde, von den Realgymnasien über die Technischen Hochschulen bis zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die seit dem letzten Krieg unter dem Namen Max-Planck-Gesellschaft fortgeführt wurde und der die meisten deutschen Nobelpreisträger entstammen.

ARTE:
Ihr Großvater wird als letzter Repräsentant einer religiös fundierten Monarchie charakterisiert. Sehen Sie das auch so?

Prinz Wilhelm Karl:
Mein Großvater war sehr religiös. Sein Verständnis des Gottesgnadentums ist allein vor diesem Hintergrund zu beurteilen.

ARTE:
Wie gehen Sie damit um, dass heute überwiegend die negativen Seiten Ihres Großvaters herausgestellt werden, wie z.B. seine umstrittene Flottenbaupolitik?

Prinz Wilhelm Karl:
Leider hat man in der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein stets versäumt, meinen Großvater im Kontext seiner Zeit zu betrachten. Ich versuche, die damalige Wirklichkeit zu vermitteln. Die Kriegsflotte diente dazu, das junge Nationalgefühl zu stärken. Die Zuneigung meines Großvaters zur Handelsmarine entsprang ebenso seiner Aufgeschlossenheit für die neue Zeit des Schiffsbaus und des Welthandels wie seiner persönlichen Liebe zur Seefahrt, obwohl er gestand, an den ersten Tagen auf See immer seekrank gewesen zu sein - was jedoch vielleicht auch an der "Toplastigkeit" der Kaiseryacht "Hohenzollern" lag!

* Streit zwischen dem Papst und Bismarck wegen Einflussnahme der Kirche auf den Staat


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