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Zur Erinnerung an Kurt Freiherr von Plettenberg (1891-1945) - Fortsetzung

 
  Fest steht, dass Plettenberg ab 1942 zu dem von Carl-Hans von Hardenberg genannten ’Inneren Kreis’ gehörte, d. h. zu der Gruppe von Männern, die schon lange einen vom Militär getragenen Umsturz befürworteten und die teilweise in einzelne - gescheiterte - Etappen, auch in vorausgegangene Attentatspläne eingeweiht oder involviert waren, zuletzt in das Attentat Stauffenbergs und den Plan ’Walküre’.

Fest steht auch, dass er bei der Vorbereitung des Umsturzversuchs maßgeblich engagiert war. Anders als eine ganze Reihe der im Widerstand engagierten Offiziere verfügte mein Vater über rund acht Jahre Erfahrung in zentralen Verwaltungen von Preußen und des Reiches, aber eben auch über Erfahrungen im militärischen Befehlsapparat. Ludwig Beck, Henning von Tresckow und Claus Graf Stauffenberg griffen überlegt bei der praktischen Planung für die Durchführung des Staatsstreichs auf Männer mit seiner Erfahrung zurück.

Die zahlreichen Kontakte meines Vaters bis in die Ministerien hinein machten ihn zu einem wichtigen Berater. Er konnte vertrauenswürdige Menschen benennen und vor den Unzuverlässigen warnen.3) Vielerorts trafen sich damals die Verschwörer dieses Kreises, wie Ludwig Beck, Kurt v. Hammerstein-Equord, Ulrich v. Hassel und Fritz-Dietloff v. d. Schulenburg - oft auf Schloss Neuhardenberg, aber auch im Esplanade-Hotel zu Berlin und in mehreren Berliner und Potsdamer Privatwohnungen.

Axel v. d. Bussche wies darauf hin, dass mein Vater bereits 1940 von Gräueltaten des SD und der SS wusste. Entscheidend für seine unbedingte Bejahung eines Attentats auf Hitler waren aber die Berichte der Freunde Hardenberg und Bussche über ihre unabhängig voneinander beobachteten Mordaktionen der SS an Tausenden von Juden im Oktober 1941 in Borrisow/Weißrussland sowie ein Jahr später im Oktober 1942 auf dem Flughafen von Dubno/Ukraine.

In einer Gedenkrede anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel sagte Axel v. d. Bussche 1985 im Rathaus zu Bückeburg Folgendes: ’Später erzählte ich Plettenberg über das System der Ausrottung von Minderheiten in der Ukraine. Prüfend stellte er die Frage, wie viele Menschen denn nach unserem Eindruck, die wir die erste ’Aktion’ erlebt hatten, im äußersten Falle umgebracht worden seien? Wir waren zu dem Ergebnis gekommen, um jehr als eine Million Menschen könne es sich auch bei düstersten Schätzungen nicht handeln. Er widersprach und sagte dann voraus, bei Kriegsende würden wohl im Schutze der deutschen Waffen ebenso viel wehrlos Ermordete zu beklagen sein wie Gefallene der deutschen Streitkräfte an allen Fronten.’

Horst Teichgräber, Kamerad aus dem Regiment 415 - nach dem Krieg evangelischer Superintendent in Lüneburg - schrieb mir über seinen Besuch im März 1942 im Niederländischen Palais. Dabei habe ihn mein Vater auf den Balkon geführt, wo sie nicht abgehört wurden, und mit Entschiedenheit gesagt: ’Wir müssen Hitler umbringen’. Oberlandforstmeister Joachim v. Willisen - im Fall des gelungenen Umsturzes als politischer Beauftragter für den Wehrkreis Stettin vorgesehen - erinnerte sich ähnlich: ’Plettenberg war einer der befähigsten und gütigsten Menschen, die mir im Leben begegneten. Und gerade er war es, der mich letztlich davon überzeugt hat, dass es keine andere Möglichkeit gäbe, als Hitler zu beseitigen.’ Es waren insgesamt 17 politische Beauftragte bestimmt worden, die für Ordnung nach dem Staatsstreich sorgen sollten.

Sowohl Marion Döhnhoff als auch Axel Bussche haben von ihren einzelnen Besuchen bei Plettenberg im Niederländischen Palais berichtet, dass mein Vater im Herbst 1942 ernsthaft überlegt hat, Hitler bei seinem in den letzten Kriegsjahren einzigen öffentlichen Auftritt, nämlich am 10. März 1943 bei der Kranzniederlegung am Grabmal des unbekannten Soldaten in der ’Wache’, zu erschießen. Das Gebäude liegt schräg gegenüber vom Niederländischen Palais.

Dieses Angebot hat er womöglich auch dem ’Inneren Kreis’ unterbreitet, denn Carl-Hans Graf Hardenberg schrieb in seinen Erinnerungen, dass sich alle ihm bekannten Mitglieder dieses Kreises zur Ausführung eines Attentats angeboten hatten. Der Vorschlag, ein Attentat vom Standort Niederländisches Palais durchzuführen - denn schließlich hätten es ja auch Andere als mein Vater verüben können - wurde vielleicht deshalb verworfen, weil man damals noch weitere Nazigrößen, vor allem Göring und Himmler, mit Hitler töten wollte. Eine zweite Chance, von diesem Standort ein Attentat durchzuführen, gab es nicht. Das Palais brannte bei einem der schlimmsten Bombenangriffe auf das Zentrum von Berlin in der Nacht vom 22./23. November 1943 nieder. Auch das bekannte Hotel Adlon wurde damals komplett zerstört.

An jenem Abend waren Axel von dem Bussche und dessen Jugendfreund Carl-Konrad von der Groeben bei meinem Vater zu Gast. Da das Personal am späteren Abend bereits fort war, versuchten die drei Männer zu retten, was zu retten war. Es ist eine Geschichte für sich, aber einen Satz aus Bussches Bericht mir gegenüber möchte ich wiedergeben, weil er den Humor meines Vaters aufzeigt: ’Axel, Du erhältst jetzt den Befehl, den viele Deutsche schon längst gerne ausgeführt hätten. Du musst jetzt das Zimmer des Kronprinzen ausräumen!’ Sechs Tage danach, am 28. November 1943 fuhr Axel Bussche nach Mauerwald in der Nähe der Wolfsschanze, wo er auf den Vorführtermin für die Uniformen wartete. Dabei wollte er sich mit entzündeten Handgranaten auf Hitler werfen.

Zurück zur Attentatsüberlegung meines Vaters: Ich bin überzeugt davon, dass ihm klar geworden ist, dass er bei eigenem Einsatz Mitglieder des Hauses Hohenzollern gefährdete, denn niemals hätte die Gestapo bei Misslingen geglaubt, dass die Hohenzollern nicht involviert waren, wenn ausgerechnet ihr Generalbevollmächtigter das Attentat durchgeführt hätte. Wie gefährdet die Familie des ehemaligen Königshauses war, ergibt sich aus folgendem Bericht von Axel von dem Bussche: ’Ich glaube, es war Friedrich Hielscher, der einmal Fritz Dietloff von der Schulenburg und mir gegenüber von Strömungen in radikalen Kreisen der intellektuellen Führung (der NSDAP d. V.) berichtet hatte, man warte nur auf einen geeigneten Anlass, die Mitglieder der bis 1918 regierenden Häuser in die Reihe anderer auszurottender Minderheiten einzubeziehen udn ihre Vermögen zu ’konskribieren’, ein treffender Begriff aus den Bürgerkriegen des republikanischen Roms der Antike. Es war dies ein Grund, Plettenberg’s Namen nicht in die unglückseligen, aber für einen Umsturz in der Diktatur damals erforderlichen Liesten aufzunehmen. (...) An Denkansätzen dieser Art fehlte es nicht. Die Methodik des Systems benötigte hierzu nicht einmal grundsätzlicher und schriftlicher Weisungen. Mündliche Aufträge, ganz im Stil der Mafia, reichten aus.’

Am 20. Juli war mein Vater nicht in Berlin, sondern in Bückeburg. Als Zivilist hatte er an diesem Tag keine Aufgabe. Er verhielt sich zudem überaus vorsichtig, denn er war von Fritz-Dietloff von der Schulenburg längst informiert worden, dass er überwacht wurde. Mein Vater kehrte erst am 24. Juli nach Berlin zurück und fand offen auf seinem Schreibtisch die Bestellung eines Fernsprechanrufes: ’Oberst Graf Stauffenberg bittet Baron Plettenberg, am 19. Juli 14 Uhr nachmittags mit ihm nach Neuhardenberg zu fahren.’ Carl-Hans Hardenberg schreibt dazu: ’Die Gestapo hat dies niemals erfahren. Plettenberg wurde abgöttisch von seinen Mitarbeitern verehrt.’

Der Historiker Eberhard Zeller fand heraus, dass eine Reihe solcher Benachrichtigungen - wohl als verschlüsselte Botschaften zu verstehen - wahrscheinlich von Stauffenbergs Adjudanten Werner von Haeften vorgenommen wurden. In seinem Buch ’Geist der Freiheit’ schrieb Eberhard Zeller im Jahr 1952 nach Anhören von Zeitzeugen u. a. über meinen Vater: ’Wider alles Erwarten war er, der in den letzten Wochen zum häufigen Umgang Stauffenbergs gehört hatte, von den Verfolgungen frei geblieben, aber seine Natur ließ es ihn fast als Schmerz empfinden, als einziger der Freunde eine leichte Freiheit zu genießen, indes alle Aufrechten in Banden lagen, oder ihr Leben hingegeben hatten.’

Dennoch war in ihm der Überlebenswille stark, hatte er doch für meine Mutter und uns drei noch kleine Kinder zu sorgen. Nach dem gescheiterten Attentat bemühte sich mein Vater so schnell wie möglich wieder an die Front zu kommen, auch weil er gehofft haben mag, durch militärisches Engagement von seiner Beteiligung am Widerstand ablenken zu können. Sein Gesuch wurde unter Hinweis auf sein Alter abgelehnt.

Mit dem 20. Juli waren die Bemühungen, Hitler doch noch zu beseitigen, nicht an ein Ende gekommen. Wieweit mein Vater Einblick in neue Umsturzversuche hatte oder sogar daran beteiligt war, ist bis heute nicht ganz geklärt. Einige Indizien sprechen aber dafür. Nachforschungen des Berliner Militärhistorikers Klaus Mayer lassen darauf schließen, dass zuerst im November 1944, dann am 11. Januar 1945 eine größere Aktion, möglicherweise sogar einen Anschlag auf Hitler geplant war. Nach Aussagen mehrerer Zeitzeugen und der Schreiben von Vertretern der hohenzollernschen Verwaltung, die seinerzeit vom zuständigen Kommissar, Obersturmbandführer Valentin, informiert wurden, ist nach Verhören des Oberleutnants Ruprecht Gehring (ein Vetter des Panzergenerals Heinz Guderian) die Verhaftung meines Vaters erfolgt. Es gilt inzwischen als gesichert, dass Ruprecht Gehring selber einer Denunziation zum Opfer gefallen ist.

Die fortgeschrittene Zeit erlaubt mir heute kein weiteres Eingehen auf die Verwicklung meines Vaters. Ich wurde kürzlich gefragt, welche Freunde mein Vater durch seinen Freitod am 10. März 1945 noch schützen wollte, wo doch die meisten Widerständler zum Zeitpunkt seiner Entscheidung erschossen, hingerichtet oder durch Freitod aus dem Leben geschieden waren. Ich nenne Ihnen Namen aus dem nahen Freundeskreis: Sein bester Freund Carl-Hans v. Hardenberg sowie dessen Tochter Reinhild (Verlobte von Stauffenbergs Adjudanten Werner von Haeften), Axel von dem Bussche (bereit, ein Attentat auf Hitler durchzuführen), Marion Dönhoff (sie war die erste große Liebe und lebenslange Freundin meines Vaters), Margarethe von Oven (sie hatte die Aufrufe an Volk und Heer von Tresckow und Stauffenberg geschrieben), Gotthard v. Falkenhausen (Vertrauter von Caesar v. Hofacker; als Bankier Berater meines Vaters), die drei Brüder Kunrat, Ludwig und Franz von Hammerstein (Ludwig war einer der vier Ordonnanzoffiziere im Bendlerblock am 20. Juli 1944), Johann-Dietrich v. Hassel (ein Sohn des Botschafters Ulrich v. Hassel; mit einer Nichte meines Vaters verheiratet), Joachim v. Willisen (Oberlandforstmeister).

Aus dem weiteren Freundeskreis erinnere ich an den mit ihm inhaftierten Fabian v. Schlabrendorff und an Helmuth v. Gottberg (Offizier im IR9; er hatte die beiden Zünder für die Handgranaten ’organisiert’, mit denen sich Bussche auf Hitler werfen wollte) und Georg-Sigismund von Oppen (einer der vier Ordonnanzoffiziere im Bendlerblock). Auch Klaus Bonhoeffer und Karl-Ludwig von und zu Guttenberg kannte er gut. Beide wurden mit anderen inhaftlierten Widerständlern dann noch kurz vor Kriegsende von SS-Einheiten ermordet. Auch der von mir genannte junge Rupprecht Gehring war unter den Ermordeten! Die anderen Genannten haben überlebt.

Ein Treueverhältnis verband meinen Vater mit Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der bekanntlich bis 1943 von Karl Goerdeler, Klaus Bonhoeffer, Wilhelm Leuschner, Hans Oster, Jakob Kaiser und anderen in Umsturzpläne eingeweiht war. Inwieweit mein Vater ihn danach über weitere Aktionen informierte, ist mir nicht bekannt. Prinz Louis Ferdinand war sich seiner hochgefährdeten Lage stets bewusst. Meiner Mutter gegenüber hatte er die Dankbarkeit über seine Lebensrettung zum Ausdruck gebracht. Drei Jahre vor seinem Tod, am 2. Juli 1991, hat sich Prinz Louis Ferdinand auch öffentlich zu seiner Dankbarkeit gegenüber meinem Vater bekannt und zwar anlässlich der Taufe einer Dampflok auf den Namen ’Plettenberg’ in der niedersächsischen Stadt Bruchhausen-Vilsen südlich von Bremen. Hier ein Auszug aus der Fachpresse: ’Prinz Louis Ferdinand äußerte seine Freude darüber, eine Lokomotive der Museums-Eisenbahn auf den Namen ’Plettenberg’ taufen zu dürfen. Der Name Plettenberg bedeute ihm sehr viel, denn ein Mitarbeiter seines Hauses habe nach dem Attentat auf Adolf Hitler den Freitod einer erwarteten Folter vorgezogen und so mittelbar dadurch das Leben Seiner Kaiserlichen Hoheit gerettet.’

An dieser Stelle möchte ich Professor Eberhard Schmidt in Bremen für seine fachkundige Unterstützung danken. Er arbeitet seit längerem an einer Biographie über meinen Vater. Eigentlich endet meine Ansprache hier. Da anlässlich des 300. Geburtstages von Friedrich II. das ’Friedrich-Jahr’ mit Vorträgen, Filmen und Ausstellungen groß gefeiert wird, möchte ich Ihnen zum Abschluss aber gerne noch folgendes berichten: Wegen der Bombenangriffe auf das Zentrum von Berlin hatte mein Vater bereits im August 1943 veranlasst, dass die bis dahin im Krontresor im Berliner Dom verwahrte preußische Königskrone von Wilhelm II. sowie 15 besonders wertvolle Tabatièren des Alten Fritz aus dem Hohenzollern-Museum in einen betonierten Raum in das Schloss Cecilienhof überführt wurden. Aufgrund der erwarteten Invasion der sowjetischen Armee hat mein Vater alleine in der Nacht vom 6. auf den 7. Februar 1945 die Kostbarkeiten in zwei Kassetten nach Bückeburg überführt und sie weiter in das Dorf Kleinenbremen gebracht (heute ein Ortsteil der Stadt Porta Westfalica). Dort kannte er den evangelischen Ortspfarrer gut, der noch unter meinem Großvater bei den bekannten Bückeburger Jägern gedient hatte.

’Preußen sucht die alten Preußen’, mit diesen Worten soll sich mein Vater an Pastor Martin Strathmann gewandt haben. Dieser fand ein geeignetes Versteck unter einer Kellertreppe der Kirche. Da mein Vater zu Recht um sein Leben fürchtete, verfasste er einen kleinen Vermerk, in dem lediglich stand, dass er beide Kästen an einen sicheren Ort eingemauert habe. Durch diese Aktennotiz erfuhren die Alliierten von dem Geheimnis. Wer aber den Ort verriet, wurde nie geklärt. Am 4. Januar 1946 musste das Versteck in Anwesenheit des herbeizitierten Prinzen Oskar von Preußen, der den Kronprinzen vertrat, geöffnet werden. Krone und Tabaksdosen wurden beschlagnahmt und in einem Safe der Reichsbank-Filiale in Minden eingelagert. Das britische Kabinett stimmte erst nach zweijährigen Verhandlungen der Rückgabe des Schatzes zu.

Danach wurden  Krone und Tabatièren in der ständigen Ausstellung auf der Hohenzollernburg in Hechingen gezeigt. Sieben der 15 Tabatièren sind inzwischen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg vom Haus Hohenzollern als Dauerleihgabe überlassen worden. Fünf davon sind noch bis zum 28. Oktober 2012 in der Ausstellung ’Friederisiko’ im Neuen Palais in Potsdam zu sehen. Anschließend werden sie wieder dauerhaft in der neu eingerichteten Schatzkammer in Schloss Charlottenburg ausgestellt sein.
 

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3) Ausführungen von Axel v. d. Bussche veranschaulichen Plettenbergs vielfältige Kontakte:
’Ich habe Plettenberg während der russischen Kriegsjahre draussen nur einmal erlebt. Er nahm mich zu einem Besuch bei Feldmarschall von Kluge mit, denn er kannte ihn wie die meisten anderen auch: die Minister und Staatssekretäre, die Botschafter und eben auch die Marschälle, ohne sich Illusionen oder gar Hoffnungen hinzugeben. Und er konnte die ’Soziologie’ dieser Großen und anscheinend Mächtigen im Land erklären...’
 

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