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Das Sans-Souci Kaiser Wilhelm II.

 
 
Jörg Michael Henneberg, Jahrgang 1962, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Berlin und Oldenburg. Der Historiker und Kunstkritiker ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Oldenburgischen Landschaft tätig. Seine Arbeits- und Veröffentlichungsschwerpunkte liegen beim Deutschen Expressionismus, bei der Moderne im Nordwesten, Kunst- und Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, Kunst der Goethezeit, des Wilhelminischen Zeitalters sowie der Tradition und Moderne.

Der letzte Deutsche Kaiser, das Achilleion und Korfu

Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) erwarb im Jahre 1907 vom österreichischen Kaiserhaus Schloß und Park Achilleion auf der griechischen Insel Korfu im Ionischen Meer. Korfu ist längst zu einer beliebten Ferieninsel und das Achilleion zu einer touristischen Hauptattraktion geworden. Tausende besuchen alljährlich das als Traumschloß der Kaiserin Sisi angepriesene Domizil. Zwar findet auch Kaiser Wilhelm II. als späterer Besitzer des Achilleions Erwähnung, sein großes Engagement für die Archäologie und seine besondere Liebe für diese schöne Insel des Mittelmeeres werden allerdings nur marginal abgehandelt. Allzu eingefahren ist das Vorurteil, daß das Wirken Kaiser Wilhelm II. allein auf das Martiale und Militärische reduzieren will. Übersehen wird dabei freilich das außergewöhnliche kulturelle Engagement des letzten Deutschen Kaisers. Grund genug, um einmal an seine Aufenthalte auf Korfu zu erinnern.
Kaiser Wilhelm II. bei der Erledigung von Regierungsgeschäften auf der oberen Terrasse des Achilleion. Foto um 1911.
Kaiser Wilhelm II. bei der Erledigung von Regierungsgeschäften auf der oberen Terrasse des Achilleion. Foto um 1911.
Das Achilleion, hoch über der Ostküste der Insel gelegen, wurde zwischen 1889 und 1892 von den neapolitanischen Architekten Antonio Landi und Raffaele Carito im neoklassizistischen Stil für die Kaiserin Elisabeth von Österreich erbaut. Nach dem Freitod ihres Sohnes, des Kronprinzen Rudolf von Österreich, 1889 sollte die Insel Korfu für Elisabeth zu einer Zufluchtsstätte fern vom Wiener Hof werden, an der sie in aller Stille und Abgeschiedenheit über den schweren Verlust trauern konnte. Zur Erinnerung an Kronprinz Rudolf und als Stätte ihrer persönlichen Trauer ließ sie im Park des Achilleions ein Kenotaph errichten. Achilleus, bei Homer der tapferste griechische Held vor Troja, Sohn des Peleus und der MeergöttinThetis, war nur an der sprichwörtlichen Achillesferse verwundbar. Er tötete Hektor im Zweikampf vor Troja und fiel durch den Pfeil des Paris. Der verwundbare Held Achilleus wurde von Elisabeth tief verehrt, in ihrem verstorbenen Sohn Rudolf sah sie einen modernen Achilleus. Ihm zu Ehren benannte sie das neuerbaute Schloß Achilleion als einen dem Achilleus geweihten Ort.

Nach der Ermordung der Kaiserin Elisabeth in Genf 1898 verwaiste das Schloß. Park und Gebäude fielen in einen "Dornröschenschlaf", aus dem sie erst der Besuch Kaiser Wilhelm II. 1905 erlösen sollte. König Georg von Griechenland (1845-1913) machte den Gast auf das verlassene Schloß aufmerksam. Bereits 1889 hatte der Kaiser auf seiner Yacht Hohernzollern I die Insel passiert, war jedoch von der tieftrauernden Kaiserin Elisabeth nicht empfangen worden. Wilhelm II. hatte bereits viel von dem wunderschönen Schloß gehört. Er war angeblich vom Achilleion so bezaubert, daß er umgehend den Entschluß faßte, das Schloß zu erwerben und zu seiner kaiserlichen Residenz für die Frühlingsmonate zu machen.

Ein weiterer entscheidender Grund für den Erwerb mag die große Verehrung gewesen sein, die Wilhelm II. zeitlebens für Kaiserin Elisabeth hegte. Mit der österreichischen Kaiserin verband den Deutschen Kaiser eine romantische Grundstimmung, Faszination für das antike Hellas und eine damit auffallend konstrastierende Begeisterung für den technischen und sozialen Fortschritt.

Als Knabe war Wilhelm ihr 1873 in Hetzendorf bei Wien begegnet. Die legendäre Schönheit der Kaiserin machte einen unauslöschlichen Eindruck auf den jungen Prinzen. Bald nach dem Erwerb des Achilleions 1907 ließ er der Kaiserin im Rundtempel des unteren Parks ein Standbild errichten. Für das Denkmal der Kaiserin Elisabeth mußte die von ihr errichtete Skulptur des Dichters Heinrich Heine weichen, die Wilhelm II. veräußerte. Das Entfernen des Heine-Denkmals wird gerne als Hinweis auf den Antisemitismus Wilhelms II. angeführt. Ein Blick in die diesbezügliche Akte im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz zeigt jedoch, daß Wilhelm II. das Standbild Heines entfernen ließ, da er ein Denkmal der Kaiserin Elisabeth in dem schönen Rundtempel errichten wollte und die Dichtungen Heines ihm persönlich nicht zusagten. Anonym eingesandte Briefe der Alldeutschen und der Antisemiten, die die Entfernung des Denkmals befürworteten und die sogar nach Korfu gesandt wurden, blieben auf Wunsch des Kaisers unbeachtet, wie ein Aktenvermerk beweist. Der Kaiser wollte diese Maßnahme keinesfalls als antisemitsch verstanden wissen.

Der Park des Achilleion und das neben dem Schloß in einer Talmulde gelegene Kavalierhaus, die Aufrichtung der Statue des Siegreichen Achill von Johannes Götz auf der unteren Terrasse und die Versetzung des Sterbenden Achill von Ernst Herter sind die einschneidendsten Veränderungen, die Wilhelm II. zwischen 1907 und 1910 durchführen ließ. Das schlichte Kavalierhaus erinnert in seiner eleganten Schmucklosigkeit an den Schinkel-Pavillon neben dem Charlottenburger Schloß. Erbaut wurde es nach Plänen von Ernst Ziller. In all seiner spartanischen und funktionalen Schmucklosigkeit ist das Kavalierhaus aber auch ein bis heute unbeachtet gebliebenes Beispiel für den Modern Style in der deutschen Architektur des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit dem pompösen Neobarock, der fast immer - allerdings zu Unrecht - mit dem Repräsentationsstil des letzten Deutschen Kaisers in Verbindung gebracht wird, hat dieses kaiserliche Bauwerk nicht das Geringste gemein. Der Kaiser schätzte die Architektur des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts.

Das Achilleion auf Korfu war seit 1908 eine der kaiserlichen Residenzen. Wilhelm II. umgab sich hier mit einem verkleinerten Hofstaat. Der Telegraph und der Kurierdienst sorgten für eine ständige Verbindung mit Berlin, so daß der Kaiser auf Korfu seinen Regierungsgeschäften nachgehen konnte. Die notwendige Reduzierung des Hofstaates und dessen isolierte Existenz inmitten einer fremden Umgebung erinnern bereits ein wenig an die Exilhofhaltung im niederländischen Doorn. Nicolaus Sombart hat bereits 1996 in seiner Studie "Wilhelm II. - Sündenbock und Herr der Mitte" auf diese Verbindungslinien hingewiesen. Die Daily-Telegraph-Affaire und der Eulenburg-Skandal 1908/09 haben den Kaiser tief getroffen. Er dachte an Abdankung, sein Pflichtgefühl hat ihn dann schließlich doch dazu verpflichtet, seine imperiale Rolle weiterzuspielen. Wäre es zur Abdankung gekommen, so wäre vermutlich das Achilleion auf Korfu sein Exilsitz geworden. Die Insel Korfu war sein Arkadien.

1911 wurden in der Nähe von Korfu-Stadt die Reste eines archaischen Tempels gefunden. Der Kaiser, der sich schon seit seiner Jugendzeit für Archäologie begeisterte, war maßgeblich an den Ausgrabungen beteiligt. In seinem Doorner Exil hat er 1924 und 1936 zwei Bücher über die Ausgrabung und die Bedeutung dieses Tempels und seiner Darstellung der Gorgo verfaßt.

Die kaiserliche Familie hat sich 1908, 1909, 1911, 1912 und 1914 jeweils zur Osterzeit einen Monat auf der schönen Mittelmeerinsel aufgehalten. Bis heute ist Wilhelm II. auf Korfu unvergessen. Das Achilleion ist die meistbesuchte Attraktion, der Siegreiche Achill ist als Wahrzeichen der neugeschaffenen Gemeinde Achilleio allgegenwärtig, die Kaiserbrücke befindet sich nach wie vor unterhalb des Achilleions, und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich hier die vor Anker liegende Kaiseryacht Hohenzollern vorzustellen. Dem Menschen Wilhelm II. kommt man vielleicht bei der Betrachtung des Sonnenunterganges am Kaizer's Throne am nächsten. Ein kleiner Fels auf der Kuppel des Hügels, der das kleine Bergdorf Pélekas überragt, wurde auf Veranlassung des Kaisers zu einem Aussichtspunkt eingerichtet, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Anfang Mai 1914 hat Wilhelm II. dieses Schauspiel zum letzten Mal genossen.

Jörg Michael Henneberg, Historiker

 

Jörg Michael Henneberg: Das Sans-Souci Kaiser Wilhelm II. Der letzte Deutsche Kaiser, das Achilleion und Korfu, Isensee Verlag, 26122 Oldenburg, Haarenstraße 20

 

Literatur:

Kaiser Wilhelm II.: Erinnerungen an Korfu, Berlin 1914

Kaiser Wilhelm II.: Studien zur Gorgo, Berlin 1936

Nicolaus Sombart: Wilhelm II. - Sündenbock und Herr der Mitte, Berlin 1996

 

 

 

 
 
 
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