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Preussen im Mittelalter, Teil II

 
  Wie überall in West- und Mitteleuropa erkannte auch die preußische Landesherrschaft im Laufe des Spätmittelalters, dass sie zur Durchsetzung ihrer politischen Vorstellungen auf die Mitarbeit wenigstens eines Teils ihrer Untertanen angewiesen war. Die Räte der Hauptstädte des Landes waren seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an der auf Landtagen stattfinden politischen Willensbildung beteiligt, der entstehende Adel seit dem zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts. In anderen Ländern spielten in diesem Zusammenhang auch Bischöfe und die Äbte großer Klöster eine wichtige Rolle; in Preussen war das nicht der Fall, da hier die Landesherrschaft selbst die Geistlichkeit repräsentierte. Der Orden war grundsätzlich bereit, die Unterstützung der politisch relevanten Stände – die sich typischerweise in der Bewilligung von Steuern und in der Hilfe bei deren Einziehung ausdrückte – durch die Gewährung wirtschaftlich interessanter Vorrechte zu erkaufen. Die Landtage dienten somit in erheblichem Maße dem Privilegienstreben organisierter Interessengruppen, wobei angesichts der anfänglichen Schwäche des Adels die patrizischen Kaufleute zunächst im Vordergrund standen. Ziel des Patriziats war einerseits die Eindämmung der Aktivitäten fremder Kaufleute, die am Besuch preußischer Getreideproduzenten möglichst gehindert werden sollten, andererseits die Schaffung einer im Fernhandel brauchbaren Währung. Das erste Ziel wurde im wesentlichen verfehlt, aber die Geldpolitik des Deutschen Ordens folgte zwischen dem späten 14. und frühen 16. Jahrhundert zumindest dem äußeren Schein nach fast durchgängig kaufmännischen Interessen – nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die vom Orden benötigten Steuermittel und Zollerträge größtenteils aus den Städten stammten. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts lehnte sich der Preussische Schilling in seinem Silbergehalt an die wichtigste Handelsmünze Ostmitteleuropas – an den Böhmischen Groschen – an. Nach dem Dreizehnjährigen Krieg begann die Landesherrschaft dagegen, den Feingehalt der Handelsmünzen vorsichtige und schrittweise zu verringern. Da zwischen Ordenspreussen und dem mittlerweile Polen zugehörigen westlichen Preussen eine Währungsunion bestand, konnten Königsberger oder Braunsberger Kaufleute beim Tausch nach dem offiziellen 1:1-Kurs nicht nur immer wieder einen Profit erzielen; sie waren auch in der Lage, in Danzig oder Thorn Importgüter günstiger einzukaufen. Seit dem Dreizehnjährigen Krieg trug die Landesherrschaft mit ihrer Geldpolitik also zur aktiven Handelsbilanz Ordenspreußens gegenüber seinem westlichen Nachbarn bei.

Der preussische Adel war anfänglich vornehmlich daran interessiert, Versuche der Kaufmannschaft abzublocken, fremde Händler am Besuch der Getreideproduzenten zu hindern, daneben auch daran, die Löhne des auf seinen Grundherrschaften beschäftigten Gesindes gesetzlich zu fixieren. Zumindest damit hatte er in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gelegentlich Erfolg. Seit dem Ende des Dreizehnjährigen Krieges trat ein anderes Ziel in den Vordergrund. Weite Landstriche waren entvölkert; Boden war im Überfluss vorhanden, aber Arbeitskräfte waren jetzt knapper und teurer als zuvor. Unter diesen Umständen entwickelte der Adel ein Interesse daran, die Mobilität von Bauern und anderen landwirtschaftlichen Arbeitskräften einzuschränken. Faktisch liefen seine Bemühungen auf die Bildung eines Nachfragerkartells auf dem ländlichen Arbeitsmarkt hinaus. Erfolg hatte er damit allerdings erst in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts, als das Ordensland bereits säkularisiert war und der ehemalige Hochmeister, jetzt Herzog, zur Stabilisierung seiner Herrschaft dringend auf die Hilfe des Adels angewiesen und daher zu Konzessionen bereit war. Die Anfänge der späteren Leibeigenschaft lagen in der damals verfügten Beschränkung der bäuerlichen Freizügigkeit.

Was die Wirtschaftsentwicklung des dreizehnten bis frühen 16. Jahrhunderts betrifft, so dürfte die Einwanderung deutscher Bauern, die über weiter entwickelte Agrartechniken verfügten als die Prussen, zunächst zum Wachstum der landwirtschaftlichen Produktivität und der Agrarproduktion insgesamt geführt haben. Dafür, dass dies der Fall war, spricht auch der recht umfangreiche Export landwirtschaftlicher Produkte seit dem 14. Jahrhundert. Weitere technische oder organisatorische Fortschritte in der Landwirtschaft scheinen in Preussen wie überhaupt im Europa des Spätmittelalters dann allerdings ausgeblieben zu sein. Allenfalls ist an eine gewisse regionale Spezialisierung zu denken, die die Produktivität möglicherweise steigerte. Der Umfang der Produktion hing unter diesen Umständen in erster Linie vom Einsatz von Arbeit und Boden ab; wenn es Wachstum gab, dann war es extensiv. Dass es Wachstumsphasen gab, scheint evident, doch folgten diese im 15. und frühen 16. Jahrhundert regelmäßig den schweren Produktionseinbrüchen, die die häufigen Kriege zwischen dem Deutschen Orden und Polen-Litauen auslösten. In den dazwischen liegenden Friedenszeiten hatte die Wirtschaft die Chance, sich zu erholen, aber da die kriegsbedingten Bevölkerungsverluste kurzfristig schwer auszugleichen waren, konnte auch das jeweilige Vorkriegsniveau der Produktion nur schwer wieder erreicht werden. Es ist unwahrscheinlich, dass die preussische Landwirtschaft in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts mehr Menschen zu ernähren in der Lage war als 150 Jahre zuvor.

Der Agrarsektor war nach der Beschäftigtenzahl wie auch nach seinem Beitrag zum Sozialprodukt der weitaus wichtigste Sektor der preussischen Wirtschaft überhaupt. Wenn es in Gewerbe und Dienstleistungsberufen zu Produktivitätssteigerungen kam, so können diese die Stationarität der Landwirtschaft daher kaum ausgeglichen haben. Dass die gewerbliche Produktivität deutlich stieg, ist ohnehin unwahrscheinlich. Innovationen waren selten, während der Kapitalbestand pro Kopf höchstens nach seuchenbedingten Bevölkerungsverlusten wuchs. Gerade in den Städten, wo die meisten Handwerker arbeiteten, wurden solche Verluste durch Zuwanderung vom Land aber schnell ausgeglichen. Darüber hinaus litt besonders der preussische Handel in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts unter einem schweren Kapitalmangel, da die Landesherrschaft, deren Geldpolitik nach außen hin kaufmännische Interessen berücksichtigte, tatsächlich primär eigene, und zwar fiskalische Ziele verfolgte. Die in der Münzstätte bei der Prägung von Schillingen – der für den Groß- und Fernhandel benötigten Münzen – erzielbaren Gewinne lagen weit unter den Profiten, die die Pfennigprägung ermöglichte. Zwischen den zwanziger und fünfziger Jahren des 15. Jahrhunderts  überschwemmte die Ordensmünzstätte Preussen daher mit Kleingeld, während Münzen, die im Handel verwendbar waren, aus dem Umlauf verschwanden. Mit dieser Politik verstärkte der Orden in Preussen die deflationäre Entwicklung, die alle west- und mitteleuropäischen Länder in diesem Jahrhundert durchmachten und die darauf zurückzuführen war, dass die meisten Silbergruben ausgebeutet waren und beim damaligen Stand der Bergbautechnik nicht weiter vertieft werden konnten. Alles in allem dürfte das preußische Sozialprodukt pro Kopf im späten 13. und 14. Jahrhundert, in Zeiten der Zuwanderung von Arbeitskräften überdurchschnittlicher Produktivität, recht deutlich gewachsen sein. Dass es im 15. und frühen 16. Jahrhundert weiterwuchs, ist unwahrscheinlich.

Das mittelalterliche Preussen wies insgesamt die typischen Strukturen eines Entwicklungslands auf. Es war ein Billiglohnland mit einem von Rohstoffen wie Waldwaren und Agrarerzeugnissen wie Getreide dominierten Export. Allerdings verfügte Ordenpreussen, solange es auch das Weichselgebiet umfasste – d.h. bis zum Dreizehnjährigen Krieg –, über eine außerordentlich günstige Position im Fernhandel zwischen dem westlichen Hanseraum und Polen-Litauen. Das eigene Engagement in diesem Zwischenhandel und die Abschöpfung der von den Kaufleuten der Hauptstädte gemachten Gewinne in Form von Zöllen und Steuern waren Grundlage von Wohlstand und politischer Macht des Deutschen Ordens. Mit dem Verlust Pomerellens in der Mitte des 15. Jahrhunderts büßte der Orden jede Chance ein, in der regionalen Politik eine wichtigere Rolle zu spielen als die Herrscher anderer Länder ähnlicher Größe und Wirtschaftsstruktur. Der Versuch, dies dennoch zu tun, führte zum Zusammenbruch und zum Ende des Deutschen Ordens in Preussen.

Privatdozent Dr. Oliver Volckart 

 

Weiterführende Literatur:

- Burleigh, Michael (1984): Prussian society and the German Order: An aristocratic corporation in crisis, c. 1410 - 1466, Cambridge (Cambridge University Press)

- Dralle, Lothar (1975): Der Staat des Deutschen Ordens in Preußen nach dem II. Thorner Frieden: Untersuchungen zur ökonomischen und ständepolitischen Geschichte Altpreußens zwischen 1466 und 1497, Wiesbaden (Steiner)

- Sarnowsky, Jürgen (1993): Die Wirtschaftsführung des Deutschen Ordens in Preußen (1382-1454), Köln u.a. (Böhlau)

- Volckart, Oliver (1996): Die Münzpolitik im Ordensland und Herzogtum Preußen von 1370 bis 1550, Wiesbaden (Harrassowitz)

- Wunder, Heide (1968): Siedlungs- und Bevölkerungsgeschichte der Komturei Christburg: 13. - 16. Jahrhundert, Wiesbaden (Harrassowitz).
 

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