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ABC für 'lange Kerls' - 2. Teil

 
  Lazarett:
Für das Gesundheitswesen im Königsregiment waren Regiments- und Kompaniefeldschere zuständig; dazu eine Anzahl von Unteroffizieren, Lazarettaufsehern und Krankenwärtern. Für schwer erkrankte Regimentsangehörige (Soldaten und ihre Familien) stand jedem Bataillon ein Lazarett zur Verfügung, dazu dem Regiment insgesamt ein zusätzliches viertes, das vielbeachtete „(Lust-)Seuchenlazarett“ zu Klein-Glienicke. Für einen bestimmten Teil der Männer waren zum Missvergnügen der Geistlichkeit Sexualkontakte und Partnerschaften ohne Trauschein normal, wie die Quoten der un- um Verhältnis zu den ehelichen Geburten im Übrigen auch die Notwendigkeit dieses Seuchenlazaretts erweisen. Ebenso ließen sich am Pegel der Beerdigungen von Soldaten, -frauen oder –kindern die hygienischen Bedingungen in den beiden Garnisonorten Potsdam und Brandenburg a. d. Havel ablesen. Die Sterbezahlen schwankten im Normaljahr zwischen einem und zwei Prozent der so teuer angeworbenen „langen Kerls“, und potenzierten sich im Wehklagen ihres Regimentschefs über solchen Abgang.

Militärkirchenbuch:
Vom Garnisonprediger der Garnisonkirche zu Potsdam bzw. vom Feldprediger des in Brandenburg an der Havel stationierten Königsregiment-Bataillons geführte Amtsbücher über die Sakramentsausteilung an Regimentsangehörige. Neben den einzelnen Namensinformationen lassen sich die Kirchenbücher für die Regimentssoziologie statistisch auswerten: mit Bezug auf den Abgang vom Regiment durch Todesfälle, die Gründung von Soldatenfamilien, die Herkunft und Konfession der Regimentsangehörigen sowie die Geburt ehelicher bzw. unehelicher Soldatenkinder, und deren Sterblichkeit.

„Mohrenpfeifer“:
Die Spielleute des Königsregiments setzten sich aus Trommlern und Pfeifern zusammen. In Adaption einer geradezu klassischen höfischen Arabeske wurden als Pfeifer erst die „Kammermohren“ des früheren Hofstaats, und ab 1717 weitere aus der Sklaverei freigekaufte „Mohrenjungen“ eingestellt. Der Ernst des neuen Soldatendaseins der vordem nur „kurzweiligen Personen“ bedingte nicht nur eine musikalische Ausbildung im Schwegelblasen, sondern auch die mit der Freilassung verbundene christliche Taufe. Die exotische Erscheinung der (1739 insgesamt 23) „Mohrenpfeifer“ wurde durch den rotweißen Turban mit schwarzweißem Federbusch sowie von silbernen Ohr- und Halsringen unterstrichen. Die „Mohrenpfeifer“ personifizierten gleichsam den glanzvoll-höfischen Charakter des Königsregiments, das Kampfgarde und Palasttruppe in einem war.

Rangierrolle:
Namentliche Auflistung aller Angehörigen des Königsregiments nach ihrer Zugehörigkeit zu Bataillonen, Kompanien bzw. zum Korps der Unrangierten. Solche Rollen sind für das Königsregiment z.B. für das Jahr 1726, 1734 und 1739 erhalten. Die Datenbankverarbeitung dieser Quellen gibt nicht nur die Namensnachweisung, sonder gestattet Rückschlüsse auf Dienstdauer und Beförderung, Sozialstatus sowie gegebenenfalls auf Verwandtschaftsbeziehungen unter den Regimentsangehörigen.

Regimentskultur:
Ein vor allem von der modernen angelsächsischen Militärgeschichtsschreibung entwickelter Begriff zur Beschreibung der militärischen Lebenswelt – sei es im zwangsweise belegten Bürgerquartier, sei es im Wohnraum der Kasernen. Die Regimentskultur des Königsregiments setzte sich aus eigendisziplinierter Lebensweise, kompetenzstolzer Militärmentalität und religiös verankerten Kriegerwertvorstellungen zusammen. Sie blieb ihrerseits auf vielfältige Weise mit den sie umgebenden zivilen Lebensformen verbunden. Die Kehrseite der stets blank geputzten Kommissmedaille bildeten stumpfsinniger Barrasbetrieb und fremdsprachliche Isolierung, männliche Gemeinheit und Melancholie.

Sozialisierung:
Im Unterschied zu älteren Ansichten, die als Folge des preußischen Militärsystems des 18. Jahrhunderts eine tiefgreifende Militarisierung der zivilen Gesellschaft (eben den „typisch preußischen Militarismus“) schon in der Zeit vermuteten, geht die Forschung heute aufgrund intensiver Quellenstudien davon aus, dass in Preußen vielmehr eine tiefgreifende Einbettung des Militärsystems in die gesellschaftlichen Strukturen des frühmodernen Staates erfolgte. Durch solche Sozialisierung wurden die Belange des Militärs den Bedürfnissen der Gesellschaft angepasst; dieser Interessensausgleich zwischen den Lebenswelten des Civile und Militare kann als typisch preußisch in Ancien Régime betrachtet werden.

Unrangierte:
Neben den in drei Bataillone einrangierten Grenadieren des Königsregiments entstand dort anstelle von Überkompletten allmählich ein Korps unrangierter Grenadiere in vielfältigen Unterabteilungen, aus dem einerseits der Regimentsersatz genommen wurde, und in dem andererseits die besonders groß gewachsenen „Sammlerstücke“ untergebracht wurden, ohne eigentlichen Soldatendienst leisten zu müssen. Der Allergrößte unter ihnen war wohl James Kirkland aus Irland, der nach einer Anwerbung zum Höchstpreis von 7.161 RTl 8 Gr mit sensationellen 6 Fuß 11 Zoll (ca. 2,17 m) 1734 und 1739 bei den Großen Unrangierten im 1. Glied als rechter Flügelmann aufgestellt war. Er heiratete 1739 die Hamburger Kaufmannstochter Susanna Lüdecke, wurde 1740 als populärer Hofstaatsheiduck zivilversorgt und starb 1779 als wohlhabender Kaufmann in Berlin.

Dr. Jürgen Kloosterhuis

Titel:
Legendäre 'Lange Kerls'. Quellen zur Regimentskultur der Königsgrenadiere Friedrich Wilhelms I., 1713-1740. Bearbeitet von Jürgen Kloosterhuis. XLVI, 706 Seiten, 1 koloriertes Frontispiz, 48 schwarz-weiss Abbildungen.
ISBN 3-923579-03-9
Preis: EUR 62,00 zzgl. Versand

Zu beziehen über:
Geheimes Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz
Archivstrasse 12-14
14195 Berlin
Tel.: 030- 839 01 00

 

ABC für 'lange Kerls' - Fortsetzung
 
 
 
 
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