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Neuenburg / Neuchâtel

 
  Die zwischen den Bergzügen des Juras und dem Neuenburger See gelegene ursprüngliche Reichsgrafschaft Neuenburg gehörte seit dem Jahr 1504 den Herzögen von Orléans-Longueville. Als dieses Geschlecht im Jahr 1707 ausstarb, bemühten sich nicht weniger als 15 Prätendenten aufgrund meist weit hergeholter Erbansprüche um dessen Herrschaft. Zu ihnen gehörte auch der preussische König Friedrich I., der über sein Herzogtum Nassau und von dort über das ebenfalls ausgestorbene Haus Chalon einen Erbanspruch zu haben glaubte. Friedrich hatte militärische Ziele. Er strebte nach einem Aufmarschgelände in Richtung der jenseits des Juras gelegenen französischen Freigrafschaft.

Alle Bewerber bzw. deren Vertreter versammelten sich 1707 zum Feilschen, zu Handel und Intrigen in der Stadt Neuenburg. In der Endrunde sprach sich das zuständige Drei-Stände-Gericht am 3.11.1707 für den preussischen König Friedrich I. aus. Für ihn sprach aus der Sicht der Neuenburger, dass er protestantisch war, weit weg wohnte und damit weniger gefürchtet werden musste als ein französischer Fürst, der katholisch war und unter dem Einfluss Ludwigs XIV. stand. Am wichtigsten war aber wohl Friedrichs Versprechen, 600 000 Taler für Neuenburg einzusetzen. Die Neuenburger erhielten einen preussischen Gouverneur, konnten aber im übrigen ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln. Militärisch lehnte sich Neuenburg an Bern, und damit an die Eidgenossenschaft, an.

Obwohl die preussischen Könige die Unveräußerlichkeit der zum Fürstentum erhobenen Grafschaft beschworen, wurde Neuenburg 1805 von Friedrich Wilhelm III. zusammen mit Kleve gegen Hannover an Frankreich abgetreten. Durch die folgenden Kriege geschwächt, wandte es sich 1814 wieder an den preussischen König mit der Bitte, es unter seinen Schutz zu nehmen. Der König stimmte zu, doch sollte sich Neuenburg als preussisches Fürstentum der Eidgenossenschaft anschließen. In den Verhandlungen mit der eidgenössischen Tagsatzung wurde bestimmt, dass Neuenburg im Inneren ein Fürstentum des preussischen Königs bilden, im Äußeren aber mit den anderen souveränen Kantonen der Eidgenossenschaft als souveräner Staat auftreten solle: Ein staatspolitisches Kuriosum.

Mit dem konservativen preussischen Landesvater wurde aber auch in Neuenburg das Ancien Régime mit seinen ständischen Vorrechten wieder eingeführt. Als sich ab 1831 in den schweizerischen Nachbarkantonen mehr und mehr der Liberalismus durchsetzte, da begann es auch in Neuenburg zu gären. Ein erster Aufstand brach nach einigen Kanonenschüssen zusammen, weil es die Insurgenten versäumt hatten, nicht nur die Regierung, sondern auch den Staatsrat zu verhaften. In einem zweiten Aufstand am 2. März 1848 wurde dann auch der Staatsrat abgesetzt und die Republik ausgerufen. Den Aufständischen kam zugute, dass der preussische König Friedrich Wilhelm IV. in jenen kritischen Tagen andere Sorgen hatte, als sich um sein weit entferntes Fürstentum zu kümmern. Im darauf folgenden Londoner Protokoll von 1852 behauptete der König seinen Anspruch als Fürst, verzichtete aber auf Gewaltanwendung.

Noch gab es aber eine mächtige Royalistenpartei in Neuenburg. In einem Aufstand versuchten sie 1856 vergeblich, die alte Ordnung wieder herzustellen. Ihre Anführer wurden eingesperrt. Gerade darüber entflammte der politische, beinahe kriegerische Konflikt: Der König verlangte die Freilassung der Gefangenen. Doch der Schweizer Bundesrat wollte diese nur freigeben, wenn der König auf seine Rechte in Neuenburg für immer zu verzichten erklärte. Nach einer Mobilmachung in der Schweiz und einer jedenfalls angeordneten Mobilmachung in Preussen, trafen sich die Diplomaten 1857 in Paris und vereinbarten im sogenannten „Neuenburger Handel“ das Paket aus Freilassung der Gefangenen und Souveränitätsverzicht. Der König von Preussen behielt den Titel eines Fürsten von Neuenburg und Valangin.

 Neuenburg verdankt Preussen vor allem die 1841 gegründete Akademie, der späteren Universität, aus der damals zahlreiche Werke in Geschichte und Theologie hervorgingen. Wirtschaftlich war für Neuenburg vor allem die 1817/20 für Uhren und Bunttuch erfolgte Aufnahme in den Preussischen Zollverbund, den späteren deutschen Zollverband, wichtig. Militärisch musste Neuenburg ab 1814 ein Kontingent Soldaten, das sogenannte Gardeschützen Bataillon, stellen. Dieses war anfänglich in Berlin beim Schlesischen Tor untergebracht. Auch nach der Loslösung Neuenburgs behielt es seinen Namen. Später bezog es in Lichterfelde am heutigen Gardeschützenweg eine neue Kaserne, die noch heute zu sehen ist. (Charles B. Blankart)


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