Erinnerungen an die Kronprinzessin von IKH Prinzessin Felicitas von Preussen, Frau von Nostitz-Wallwitz


Sehr geehrte Frau Ministerin Wanka,
sehr geehrter Herr Professor Dorgerloh, lieber Herr Kirschstein,
liebe Gäste, liebe Familie!


Zuerst möchte ich all denen danken, die diese Ausstellung zum 50. Todestag unserer Kronprinzessin Cecilie ermöglicht haben. Insbesondere Herrn Jörg Kirschstein, der all die schönen, unvergesslichen Fotos in einem hinreißenden Bildband zusammengetragen hat. Wo er sie alle her hat, ist sein Geheimnis. Auch uns waren einige davon unbekannt. Es ist für mich eine große Freude sie immer wieder anzusehen.

Nun zum eigentlichen Grund dieser kleinen Rückschau. Ich bin gebeten worden nachdem wir die offizielle und historische Seite gehört haben, etwas über die familiären Begebenheiten zu erzählen.

Ich heiße Felicitas-Cecilie und bin das älteste Enkelkind der Kronprinzessin. Sie war meine Patin und hielt mich über die Taufe. Deshalb erhielt ich auch ihren Namen Cecilie. Vielleicht erklärt diese Tatsache das besondere Band, welches uns ein Leben lang verbunden hat.

Wir haben gehört und gelesen, welch tapfere Frau sie gewesen ist, als sie ihrem Mann nicht ins Exil folgte, um ihren sechs Kindern das Leben außerhalb von Deutschland zu ersparen. Sie erzog ihre Kinder, besonders die Söhne, zu pflichtbewussten Menschen, die ihr Vaterland liebten und dafür gerade standen. Unser Vater Wilhelm hat dieses Pflichtbewusstsein und seine Vaterlandsliebe 1940 mit dem Tod als Soldat bezahlt.

Doch nun zurück zur Großmama, wie wir sie nannten. Als wir seit 1936 in Klein Obisch in Schlesien wohnten, wo meine Schwester Christa auch geboren wurde, hat Großmama uns öfters besucht. Unser Vater lebte nicht mehr, und ich war gerade mit knapp 6 Jahren in die Volksschule, so hieß das damals, eingeschult worden. Es war jedes Mal ein Festtag für mich, wenn ich anlässlich des hohen Besuches früher aus der Schule geholt wurde.

Von Obisch aus fuhren wir oft nach Cecilienhof, oder auf Großmamas schönes Schloss Oels, das nicht weit von uns, auch in Schlesien, lag. In Cecilienhof spielten wir dann die schönsten Spiele, u. a. Begegnen im Park, woran Großmama und ihre Freundin Cissy Keudell teilnahmen.

Am großen Tisch, an dem die vier Großmächte später Deutschland geteilt haben, aßen wir zu Mittag. Wir durften rechts und links von Großmama sitzen und die Klingel bedienen. Damals gab es noch Personal. Sie bestand aus zwei bunten Steinen, von denen wir natürlich dachten, es wären Diamanten. Der Kammerdiener Hermann Wölk servierte. Erzählte Großpapa eine Geschichte, die nach Wölks Ansicht anders ausging, unterbrach er den Kronprinzen: „Kaiserliche Hoheit, das war ganz anders“, worauf die Antwort kam: „Hermann, dann erzähl Du einmal, wie es wirklich war“. Und so geschah es dann.

Waren wir besonders brav, durften wir im großelterlichen Badezimmer baden. Die Wanne war tiefblau gekachelt und man stieg über drei Stufen hinunter und hielt sich an vergoldeten Handläufen fest. Das Bild des blauen Badezimmers kann man übrigens drüben als Postkarte erwerben.

Noch eine kleine Episode aus Cecilienhof. Es war uns von unserer Mutter eingeschärft worden, uns möglichst anständig zu benehmen. „Macht eurem Vater Ehre“, sagte sie. Als nun der Kronprinz unsere Mutter ob der guten Erziehung der beiden Töchter lobte, erzählte sie, was sie uns eingeschärft hatte. Wir wuchsen auf dem Lande auf, spielten mit den Hofkindern und die Sprache war nicht immer salonfähig. So fragte mich dann Großpapa: „Nun, Fee, was hast Du Dir denn vorgestellt unter ‚Deinem Papi Ehre machen’“? Ich sah ihm gerade in die Augen und meine prompte Antwort lautete: „Großpapa, wir dürfen hier nicht Scheiße sagen“. Großpapa fand diese Antwort prachtvoll, während unsere arme Mutter am liebsten im Boden versunken wäre.

Es gab natürlich auch viele Hunde in Potsdam. Emo und Rhino, zwei Skyterrier, watschelten ständig hinter Großmama her. Tante Cecilchen, die Schwester meines Vaters, besaß einen bösen Chow-Chow namens Negus, der alle Leute anfiel. Wollte man sie besuchen, musste man sich telefonisch anmelden. Sein Ende kam, als er das Bein der Telefonistin, Fräulein Niepel, zerfleischte.

Die schöne Zeit war bald vorbei. Die Russen standen vor der Tür und wir mussten alle fliehen. Wir verbrachten, von Obisch kommend, noch eine Nacht in Cecilienhof – die Großeltern waren beide schon fort. Wir gingen nach Groß Weeden in Schleswig-Holstein, wo uns Herr v. Krogh aufnahm. Außer unseren Puppenköfferchen und unserem Foxterrier Tipsi hatten wir nichts gerettet.

Großmama lebte dann in Bad Kissingen, aber auch von dort unternahm sie eine mühevolle Fahrt in einem klapprigen alten Auto, um uns zu besuchen und zu sehen, wie es ihren Enkelkindern ergangen war.

Später zogen wir nach Bonn, gingen dort in die Schule und wurden langsam erwachsen. Die Kronprinzessin war inzwischen auf den Frauenkopf nach Stuttgart gezogen. Dort habe ich sie dann sehr oft besucht. Sie war sehr einsam. Viele, die sich früher in ihrem Glanze gesonnt hatten, waren verschwunden oder lebten nicht mehr. Ich leistete ihr Gesellschaft, wir fuhren über das Land, auf die Burg (Hechingen) und gingen in Konzerte. Wir waren sehr vergnügt und lachten viel, denn sie hatte einen herrlichen Humor. Sehr oft kam auch unsere Cousine Berti zu ihr. Sie wohnte um die Ecke.

Dann kam noch ein Höhepunkt in unserem gemeinsamen Leben. Anlässlich der Taufe von Viktoria, Onkel Fritzis (der jüngste Bruder meines Vaters) drittem Kind, der in England lebte. Die Taufe fand in Pyrford, einer der wunderschönen Besitzungen von Lord Iveagh, Onkel Fritzis Schwiegervater, statt. Es war ein sehr heißer Tag und man stand, wie wohl in England üblich, die ganze Zeremonie über um das Taufbecken herum. Wir beiden Paten, Großmama hielt den Säugling – zum großen Glück, denn ich fiel peinlicherweise in eine Ohnmacht. Ich hatte eben kein Stehvermögen bei Hofe durchgemacht.

Anlässlich dieses Besuches der Kronprinzessin in England wurde eine Einladung von Queen Mary, der Frau von George V., in das Marlborough House überbracht und zu meiner großen Freude durfte ich als Begleitung mitkommen. Wir fuhren mit dem Auto durch das Spalier der Garde. Prächtig anzusehen in ihren roten Röcken und den Bärenfellmützen. Der nun folgende Tee bleibt mir unvergesslich. Wir waren allein mit der Queen und dem Duke of Windsor. Aunt May, wie sie genannt werden wollte, bereitete den Tee selbst und pustete anschließend die Flamme des Samovars mit einer goldenen Flöte aus. Ich sehe es noch heute vor mir. Die beiden Damen unterhielten sich großartig, während Uncle David mir die Antiquitäten im Raume erklärte. Zum Schluss erhielten wir beide ein prachtvolles Photo mit Diadem und Unterschrift von Aunt May. Dieser Tag bleibt unvergessen! Wir verlebten noch einige herrliche Tage auf Patmore Hall, bevor wir nach Deutschland zurückkehrten.

1954 machte ich mein Abitur und durfte zur Belohnung auf die Reitschule nach Flensburg-Mürwik. Dort erhielt ich die Nachricht von Großmamas Tod am 6. Mai in Bad Kissingen. Es war einer der traurigsten Tage meines Lebens. Es folgte der endgültige Abschied auf der Burg Hohenzollern. Und dann war wirklich alles vorbei.

In unserem Herzen soll es aber nicht vorbei sein und deshalb bitte ich Euch, alle Enkel, die heute anwesend sind, vergesst unsere Großmutter nicht. Sie, die durch alle Höhen und Tiefen dieses Lebens gegangen ist. Bewahrt sie in Euren Herzen und bewahrt ihr ein liebevolles und ehrenvolles Andenken.