Die porzellanenen Tafelservice König Friedrichs II. von Preussen


Mit der stark zunehmenden Verfeinerung des höfischen Tafelzeremoniells in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und den Impulsen, die diesbezüglich vom französischen Hof ausgingen, wurde es für fürstliche Hofhaltungen vermehrt zu einer Notwendigkeit, für repräsentative Mahlzeiten eine Fülle von Geschirrteile zu verwenden, die in Form und Dekor aufeinander abgestimmt waren. Als Folge bildeten sich sogenannte Service, die aus bestimmten, den Speisefolgen angepassten Mengen an Tellern, Schüsseln, Platten, Gewürzhaltern, später auch Terrinen oder Besteckteilen bestanden. Diese künstlerische Einheit diente nicht allein der Prachtentfaltung sondern vermittelte auch den Eindruck, dass der Fürst selbst für jedes Mahl eine vereinheitlichende Wirkung habe und sich nicht unterschiedlichster Geräte aus verschiedenen Überlieferungszusammenhängen bedienen müsse. Entsprechend aufwändig und wirkungsvoll konnten solche Ensembles aus (Edel-)Metall oder Fayence auch Botschaften und Herrschaftszeichen inszenieren, am deutlichsten etwa durch die Anbringung von Wappen und Initialen auf sämtlichen Teilen. 

Seit der europäischen Nacherfindung des Porzellans in Dresden 1708 bot sich der Tafelkultur ein neues, zuvor nur aus Ostasien bekanntes Material an. Doch erst um 1730 entstanden aus dem kostbaren "weißen Gold" Tafelservice, die zunächst in erster Linie für die Dessertgänge benutzt wurden. Die Zerbrechlichkeit des Materials und die fröhliche Buntheit der Bemalung verband sich in idealer Weise mit den kunstvollen und fragilen Kreationen der fürstlichen Konditoreien. Zudem zeigten sich schnell die praktischen Vorzüge des geschmacksneutralen Porzellans, das von Fruchtsäuren nicht angegriffen wurde.

Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurden umfangreiche Tafelservice für ganze Essen eingesetzt. Und immer noch, so auch unter Friedrich II. von Preußen, kam bei besonders wichtigen Anlässen nichts anderes als Silber und Gold auf den königlichen Tisch. Die Bedeutung des Edelmetalls als höchstes Material und seine direkte Verwendungsmöglichkeit als Staatsvermögen - die meisten Silberservice des 18. Jahrhunderts wurden in Notzeiten zu Münzen umgeschmolzen - machten das Porzellan zu einer zwar weniger spektakulären, dafür auf lange Sicht ökonomisch besseren Alternative. Besonders aber die im Gegensatz zum Edelmetall ungleich größeren künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des Porzellans dürften mit dazu beigetragen haben, dass Friedrich II. zu einem wahren Sammler von Porzellanservicen wurde: nicht nur der Formgestaltung setzt dieses Material kaum Grenzen sondern ganz besonders auch die Möglichkeiten der bunten Dekoration verleihen ihm einzigartige Ausdrucksmöglichkeiten.

Als Besetzer Sachsens und damit Meissens im zweiten Schlesischen Krieg, erwarb Friedrich II. 1745 einige Tafelservice aus dem Lager der Manufaktur. Aber erst bei seinem zweiten Aufenthalt in Meissen, im Rahmen des Siebenjährigen Krieges, nutzte der musische König die Möglichkeit, sich selbst durch Entwürfe und Vorschriften in die künstlerische Gestaltung von Servicen einzubringen. Dies behielt er auch nach Gründung der eigenen Manufaktur KPM in Berlin bei. Die Porzellanservice spiegelten daher nicht nur den hohen Stand der preußischen Tafelkultur, sondern folgten zugleich weitgehend dem persönlichen künstlerischen Willen des Königs. Wir können heute noch den Schöpfungen entnehmen, dass ihm die Einheit von Ort und Mahl, von Raum- und Servicegestaltung, ein ganz besonderes Anliegen war, das die friderizianischen Porzellanservice zu einer einzigartigen Schöpfung werden lässt. So zeigen zum Beispiel die drei nacheinanderfolgenden Service für den Sommerspeisesaal im Park von Sanssouci, also für das sogenannte Chinesische Haus, sehr deutlich die immer stärkere formale Annäherung an den eigenwilligen Ort: war das in Meissen 1762 nach dem Willen Friedrichs gestaltete "Japponische Service" noch nach einem gewellten Silbermodell geformt und mit exotischen Tierdarstellungen bemalt, so näherte sich das 1768 in der KPM hergestellte, sogenannte "2. Potsdam'sche Service" durch die Betonung des reliefierten Spalierwerks und dem mit der Außenfarbe des Hauses identischen Grün der Randzone an den Gartenhaus-Charakter des Speisesaales. Nur zwei Jahre später, um 1770, ließ Friedrich dieses Service durch ein weiteres der KPM ersetzen, das nicht nur Teile der das Chinesische Haus verzierenden Ornamentik zitiert, sondern auch mit exotischen Figuren nach Stichen von Boucher, Watteau und Huet bemalt ist, wie sie die Plastik und Deckenmalerei des Baus dominieren. Ähnliche, manchmal deutlichere und manchmal eher andeutungsweise vermutbare Zusammenhänge von Servicegestaltung und den zu Speisezimmern verwendeten Räume ließen sich für viele der Porzellanservice Friedrichs II. nachweisen. Seinem Drängen zur Schaffung eigener, in sich geschlossener ästhetischer Welten, seinem Verlangen nach Gesamtkunstwerken verdanken wir heute über zehn Meissener und 21 Berliner Hofservice aus Porzellan. Einige von ihnen, wie beispielsweise auch das dritte Service für das Chinesische Haus, waren von einer so zeitlosen und bestechenden künstlerischen Originalität, dass sie auch von kommenden Generationen nicht durch andere ersetzt, sondern bis ins frühe 20. Jahrhundert stets ergänzt und gepflegt wurden. Trotzdem sind heute die Tafelservice Friedrichs II. über die ganze Welt verstreut, von Museen geschätzt und von Sammlern teuer bezahlt.

Dr. Samuel Wittwer