Das Tabakskollegium des Königs


Tabakskollegien gehörten zur Ausstattung eines barocken fürstlichen Hofes. Interessant ist die Wandlung, die diese Institution in der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. erfuhr. Schon Friedrich Wilhelms Vater, König Friedrich I. in Preußen, veranstaltete Tabakskollegien "In Meinung, dass der Gebrauch des Tabaks gegen alle böse Luft gut sei".

Die Einrichtung, die ihren Ursprung wohl in den Niederlanden hatte, wurde auch in den Berliner und Potsdamer Schlössern gepflegt und sollte der Erheiterung und der Wohltätigkeit dienen. Das Rauchen war Pflicht, ein Dispens musste mit Geld für wohltätige Zwecke erkauft werden. Paul Carl Leygebe (1664-1730) hat um 1720 ein Tabakskollegium Friedrichs I. in der Drap d' Or Kammer des Berliner Schlosses gemalt. Teilnehmer der Versammlung sind außer dem König der Kronprinz und die drei Halbbrüder des Königs, die dritte Gemahlin Friedrichs I., Sophie Luise von Mecklenburg- Schwerin und ranghohe Herren des Gefolges. Auf dem Gemälde reichen Kammertürken und -mohren Getränke, mit Fidibus und Kerzenlicht werden die holländischen Tonpfeifen entzündet. Das Hofzeremoniell scheint teilweise aufgehoben, König und Königin sitzen nicht mehr unmittelbar unter dem Thronbaldachin.

Friedrich Wilhelm I., der "Soldatenkönig", übernahm die Institution seines Vaters, allerdings in gänzlich anderer Form. In spartanisch eingerichteten Räumen, vorwiegend im Berliner, Potsdamer und Königs Wusterhausener Schloss, versammelte sich um den König eine reine Männerrunde, bestehend aus Militärs, Gesandten, interessanten Durchreisenden und "lustigen Räten". Letztere waren Gelehrte, die nach der durch den König veranlassten Schließung verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen arbeitslos geworden waren und neue Beschäftigung suchten.

Auf dem bekannten, Georg Lisiewski (1674-1750) zugeschriebenen Gemälde, ist ein Tabakskollegiums Friedrich Wilhelms I. um 1737 dargestellt. Der Künstler hat zwischen die beiden "lustigen Räte" am Kopfende des langen, schmalen Tisches einen Hasen eingefügt, der wohl die Hasenfüßigen symbolisieren soll oder die "Haselanten", die in der barocken Bildsprache so benannten großsprecherischen Spaßmacher. Wurden die Aussagen eines "lustigen Rates" als nicht zutreffend empfunden, führte dies zu derben Scherzen der Militärs, die, vom König geduldet, bis zu Handgreiflichkeiten führen konnten. Die wohl schillerndste Gestalt unter den Teilnehmern des Tabakskollegiums war Jakob Paul von Gundling (1673-1731), Gelehrter und "lustiger Rat", vom König gleichermaßen geachtet und gedemütigt.

Das Gemälde - es befindet sich im jüngst eröffneten Königs Wusterhausener Schloss - zeigt deutlich die Kargheit des Raumes mit dem schweren Eichenholztisch. Zur Rechten Friedrich Wilhelms I., der dem Betrachter halb den Rücken zuwendet, sitzt auf einer lehnenlosen Holzbank der Lieblingssohn August Wilhelm, der spätere Erbe des Schlosses. Die Prinzen Heinrich und Ferdinand betreten den Raum, wohl um dem "allergnädigsten Papa" eine gute Nacht zu wünschen. Der Thronfolger lebte zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes bereits in Rheinsberg.

Allabendlich versammelte man sich in Wusterhausen zum Tabakskollegium im Schloss, bei schönem Wetter im Freien und diskutierte bei reichlichem Tabak- und Alkoholgenuss bis weit nach Mitternacht über Politik, Moral, Erziehung, Religion. Glutpfannen dienten zum Entzünden der langen holländischen Tonpfeifen, aus Biergläsern wurde Duckstein Bier getrunken. Anders als im väterlichen Tabakskollegium waren weibliche Personen nicht zugelassen, nur die Söhne des Königs durften anwesend sein. Wer nicht rauchen wollte oder konnte, simulierte, so wie es von Fürst Leopold zu Anhalt-Dessau und vom kaiserlichen Gesandten Friedrich Heinrich Reichsgraf  von Seckendorff berichtet wird.

Das Hofzeremoniell galt als gänzlich aufgehoben, niemand sollte aufstehen, wenn der König eintrat, jeder sollte sagen können, was ihn bewegte. Politisches und Privates, Staatsfragen von höchster Brisanz, lockerere Unterhaltung und deftige Scherze flossen ineinander.

Im Gegensatz zum Tabakskollegium Friedrich I. traf sich in der Gesprächsrunde Friedrich Wilhelms I. nicht nur der innere höfische Kreis, der sich entspannen und amüsieren wollte. Einflüsse von außen, von bürgerlichen Intellektuellen, Gesandten, Reisenden, gelangten an den Hof des "Soldatenkönigs" und trugen das Gedankengut der Frühaufklärung in diese Runde. Der König wird zweifelsohne die Anregungen, die er im Tabakskollegium erhalten hat, in seine Entscheidungen aufgenommen haben.

Erika Preisse